Mittwoch, 15. August 2018

Wie die ARD aus dem Nichts eine Nachricht macht, daraus eine Bedrohung produziert und letztlich die Abschaffung der Demokratie fordert

 Die Hauptmeldung der Tagesschau, die über den Tag des 03. August hin, von 9:00 Uhr in der Früh, bis zu den Tagesthemen um 21:45 Uhr verbreitet wurde, war eigentlich eine Nichtmeldung, denn sie berichtete nicht über ein Ereignis, sondern über die Stellungnahmen eines angeblichen Ereignisses: In Washington DC hatten Dan Coats, die Tagesschau nennt ihn Chef der US-Geheimdienste, Christopher Wray, Chef der US-Bundespolizei FBI, Heimatschutzministerin Kirsten Nielsen, und der Sicherheitsberater des Präsidenten, John Bolton vor die Presse gestellt und beklagt:
"Russland betreibe im Vorfeld der Kongresswahlen im November eine umfassende Kampagne, um die USA zu schwächen und zu spalten."
 Coats fügte hinzu:
"es gehe dabei nicht nur um die bevorstehenden Kongresswahlen, sondern auch um die kommende Präsidentschaftswahl im Jahr 2020."
Reines Hörensagen, was die Tagesschau da als Meldung brachte, zudem die Dame und die Herren nichts weiter zu bieten hatten, als diese dürren Worte. Und selbst diese scheinen mehr auf Mutmassungen denn auf Tatsachen zu bestehen. So erklärte die Tagesschau in Persona Gerrit Derkowski:
"Russland versucht nach Einschätzung der US-Geheimdienste die anstehende Kongresswahlen und die Präsidentschaftswahlen 2020 zu beeinflussen",
 in der Neun-Uhr-Sendung. Eine Einschätzung, mehr nicht. Für ARD-Aktuell die Auflassung um ein ganz großes Fass aufzumachen.

 Und so kam es, dass das, was um 9:00 Uhr am Morgen noch eine Einschätzung war, für Karen Mioska am Abend in den Tagesthemen schon eherne Gewissheit war. Mit dem Bild der ich in Helsinki die Hände reichenden Donald Trump und Wladimir Putin im Hintergrund mutmasste Mioska munter drauflos:
"Wer von diesen beiden am längeren Hebel sitzt, ist eine Frage, die Amerika bewegt, seit Donald Trump im Amt ist",
ihre waghalsigen Vermutungen immer schön in eine Frage kleidend um dem Vorwurf der Fake-News aus dem Wege zu gehen.
"Hat Russland eingegriffen, gar versteckt Regie geführt im Us-Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren?"
 Mioska kann es gar nicht dick genug kriegen. War bisher immer von Einmischung die Rede, so spicht sie von einem Eingriff, also kein vorsichtiges verschieben, beeinflussen sondern ein massiver Eingriff - handgreifliches. Selbst das ist Mioska nicht genug. Sie erweckt den Eindruck, die Wahl in den USA sei gelenkt, einem Drehbuch folgend inszeniert gewesen. Die Wähler auf Anweisung, willenlos handelnd, an Fäden gelenkt, von dem großen Puppenspieler in Moskau. Putin ein diabolischer Menschenfänger und Manipulator.
 "Wladimir Putin hatte das zuletzt weit von sich gewiesen und Donald Trump erklärte beim Treffen der beiden in  Helsinki, er glaube das. Doch nun haben Geheimdienstler eindringlich davor gewarnt, Russland könne sich wieder einmischen. Dieses mal in die Us-Kongresswahlen im November."
Was eben noch Vermutung war, Verdächtigungen, Anschuldigungen vorsichtig in Frageform vorgebracht, wird plötzlich zur unwiderlegbaren Tatsache durch das kleine Wort "wieder" äusserst geschickt verpackt. Wer sich "wieder einmischt", dessen, bisher nur angenommene, vermutete Tat wird nun zur einer vollendeten.

 Jetzt beendet, besser vollendet, Mioska diesen Tag der Manipulation der Menschen durch ARD-Aktuell. Sie gibt der Sache den richtigen Spin. Das dumme Geschwätz einiger Geheimdienstbeamten in Washington, dass die dort herrschende Hysterie gegenüber einer russischen Bedrohung dient und dem dort herrschendem Wahlkampf und dem Machtkampf zwischen Geheimdiensten und Weissem Haus geschuldet ist, wird auch hier zu einer Waffe der Herrschenden. Eine Bedrohung, ob real oder eingebildet, eingeredet, ist immer, das haben zahlreiche Studien ergeben, einzig und allein für die Herrschenden von Nutzen:
 "Und auch wenn Donald Trump dieses wieder kleinzureden versuchte, vieles deutet tatsächlich daraufhin, dass Moskau immer wieder versucht hat Informationen zu stehlen oder falsche Nachrichten gezielt zu streuen. Und zwar nicht nur in den USA."
Früh am Morgen schon, um 04:57 Uhr, steigt die Tagesschau, wie Tagesschau.de stolz vermeldet, ein. Danach ist der Hörfunk dran. Um 5:44 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur. Dann um 6:33 Uhr setzt Sebastian Schreiber, Korrespondent des Hessischen Rundfunks in Washington seinen Hörfunkbericht ab, den dann Tagesschau.de um 7:02 Uhr noch einmal in Schrift und Bild der wissbegierigen Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt:
"Einflussnahme auf US-Wahlen 'Unsere Demokratie steht im Fadenkreuz'", 
 schlägt Schreiber Alarm. Dick auftragen ist das Gebot der Stunde:
"Vertreter der US-Regierung und des Geheimdienstes warnen vor Desinformation aus Russland: Ziel solcher Kampagnen seien nicht nur Wahlen, sondern die Demokratie selbst."
Wenn der Inhalt nicht trägt muss das durch Schminke überdeckt werden. Flach und nichtssagend geht es weiter:
"Der Chef der US-Bundespolizei FBI Christopher Wray sagte auf der Pressekonferenz, Russland versuche auf unterschiedliche Weise Einfluss zu nehmen. Es sei etwa versucht worden, Computer zu hacken und Informationen von Kandidaten und Regierungsvertretern zu stehlen."
Unwillkürlich stellt sich die Frage, was neu und überraschend an der Aussage sein soll:
"Es sei etwa versucht worden, Computer zu hacken und Informationen von Kandidaten und Regierungsvertretern zu stehlen".
 Seit über zwei Jahren, seit herauskam, wie demokratisch die Demokraten mit ihrem Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders zu Werke gingen, langweilen die Interessenvertreter des großen Geldes uns mit immer den gleichen Anschuldigungen, Verdächtigungen und Unterstellungen. Seit zwei Jahren werden uns diese Anschuldigungen, Verdächtigungen und Unterstellungen als harte Fakten verkauft, ohne das auch nur ein einziger Beweis erbracht worden wäre. Zwei Jahre lang wird die gesamte Menschheit von diesen PR-Leuten und Lügenbaronen zum Narren gehalten.

Um 16:25 Uhr legte Fabian Burgard, stellvertretender Leiter des ARD-Studios in Washington nach. Auf die Frage, ob die Geheimdienste irgendwelche Beweise für ihre Behauptungen hätten, antwortet Burgard klar und präzise:
"Ja, das haben sie."
Dieser Satz ist allerdings der erste und einzige präzise Satz der gesamten Schalte. Was folgt sind Scheinwahrheiten und angebliche Beweise die wiederum ausschliesslich auf Mutmassungen beruhen:
"Der FBI-Direktor selbst, der spricht von einem Informationskrieg, so wörtlich, der auf verschiedenen Feldern geführt werde. Ein Feld sind die sozialen Medien. Da werden zahlreiche Fake-Profile beobachtet, die in sozialen Medien, wie Facebook, etwa, angelegt werden, um die amerikanischen Bürger mit Fehlinformationen in ihrem Wahlverhalten zu beeinflussen." 
Burgard klammert sich an eine Pressemitteilung von Facebook selbst, in der das Unternehmen von 32 Seiten und Profilen spricht, die gesperrt worden seien. Die Meldung kam passend kurz vor der Pressekonferenz im Weissen Haus und wurde in den internationalen und deutschen Medien, wie hier bei n-tv, bereits zu einem, eher ungeniessbarem Brei zerkaut:
"In der Pressemitteilung sagte Facebook nicht, ob es sich bei der Kampagne um eine gezielte Einflussnahme auf den Wahlkampf für die US-Kongresswahlen im November handelte. Der Konzern erklärte, die Konten seien zwischen März 2017 und Mai 2018 erstellt worden. Insgesamt seien mehr als 290.000 Accounts mindestens einer der verdächtigen Seiten gefolgt. Über die Konten wurden demnach rund 150 Anzeigen für etwa 11.000 US-Dollar geschaltet."

Auch hier: Nichts genaues weiß man nicht und die Frage, wieso Unternehmen Millionen und Abermillionen von US-Dollar in den Wahlkampf investieren, wenn 11.000 Dollar und 150 Anzeigen bei Facebook schon ausreichen um die Kongresswahlen im November zu manipulieren. Und ausser Facebook fällt Burgard kein anderer Anbieter auf dem "Feld" der "sozialen Medien" ein, der einem Angriff aus dem Reich des Bösen ausgesetzt worden wäre.

 Aber: 
"Darüberhinaus sieht man auch die Bereitschaft und Fähigkeit,"
und hier ist Burkard ganz hart bei den Fakten,
"auch das ein wörtliches Zitat,"
verspricht er,
 "die Wahlinfrastruktur anzugreifen, sich etwa in Wahlmaschinen einzuhacken."
Na wenn's denn so ein Schlapphutfuzzy in Washington der begierigen Meute von Pressevertretern in die Notizblöcke, Mikrofone und Kameras diktiert hat, dann muss es ja stimmen. Würde ein Us-amerikanischer Geheimdienstmann jemals lügen?

Burgard ist noch nicht am Ende. Er hat noch etwas Nachweisliches:
 "Es gibt ausserdem, nachweislich, Cyberangriffe  auf einzelne Abgeordnete und Senatoren. Insbesondere von der demokratischen Seite sind da Versuche bekannt".
 Wenn etwas nachweislich ist, warum, so fragt man sich,  legt man diese Nachweise, einer immer skeptischer werdenden Öffentlchkeit nicht vor? Warum nennt man die Namen der Abgeordneten und Senatoren nicht? Warum bleibt Burgard uns schuldig, worin diese Cyberangriffe bestanden haben, hat man E-Mail-Konten gehackt, hat man Daten abgefischt, Viren installiert? Ein wenig mehr Information ist man bei "nachweislich" der Öffentlichkeit schon schuldig.

 Stattdessen wirft Burgard lieber noch ein paar Nebelkerzen:
 "...und es gibt offenbar auch illegale Wahlkampfspenden oder Spendenversuche von russischer Seite, die darauf angelegt sind, den Wahlausgang zu beeinflussen und in Summe führt das dazu, dass die Heimatschutzministerin Nielsen, wir haben es eben gehört, von einem Angriff auf die amerikanische Demokratie selbst spricht."
  Wir erfahren nicht, warum die "Wahlkampfspenden oder Spendenversuche von russischer Seite", illegal waren. Wurden Verfahrensfehler begangen? Waren die Summen, die gezahlt wurden etwa in Russland nicht ordentlich versteuert worden? Oder waren sie einfach illegal, weil sie aus dem Ausland kamen? Dann allerdings wäre auch eine Spende der Bundesregierung von 5 Mio. US-Dollar an die Clinton-Stiftung, während des Präsidentenwahlkampfes 2016, illegal gewesen, oder die zahlreichen Spenden der deutschen Wirtschaft an beide Kandidaten.

 Und was die Beeinflussung des Wahlergebnisses anbetrifft: Für was sonst sind denn Wahlkampfspenden gedacht? Bernd Scheifele, Chef der HeidelbergCement, der 102.000 Dollar an die Republikaner Trumps aber nur 11.000 Dollar an Hillary Clintons Demokraten spendete, hat das unübertroffen ehrlich klargemacht:
"Wenn Trump wirklich eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen würde, wäre sie sicher "nicht aus Holz, sondern aus Zement."
Es ist übrigens nicht bekannt, dass irgendein Schlapphut in Washington noch Jan Philip Burgard
oder sonst ein ARD-Redakteure lauthals "illegal" gerufen hätte.

 Um 17:45 Uhr dann schaltet sich auch der NDR, in Person seines Studioleiters in den USA, Martin Ganselmeier in den von ARD-Aktuell entfachten "Hype um gar nichts" ein. Seinen Kommentar überschreibt er:
"Hat Trump etwas zu verbergen?"
Was Ganselmeier in seinem Kommentar treibt, darf man mit Fug und Recht als oberfrech bezeichnen. Da stellen sich in Washington fünf Figuren aus dem Geheimdienstmilieu vor die Presse und behaupten zum X-tenmal, Russland mische sich in die inneren Angelegenheiten der USA ein, betreibe Cyberspionage, versuche gar eine Gehirnwäsche der Bürger der Vereinigten Staaten und haben nichts weiter zu bieten als ihr Wort.

 Nun weiß aber jeder halbwegs helle Zeitgenosse, dass Geheimdienstler, besonders wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden, um das Ende der Zivilisation vorauszusagen und das Bild eines übermächtigen Feindes an die Wand zu malen, zu einhundert Prozent lügen. Geheimdienstler müssen das tun, denn ihre Aufgabe ist zu allerletzt die Aufklärung der eigenen Bevölkerung. Sie sollen die Menschen beeinflussen, sie sollen den Boden bereiten, für politische Entscheidungen der Mächtigen.

 Dafür gibt es unendlich viele Beispiele. Von der Hunnenlüge im ersten Weltkrieg,  dem Zwischenfall in der Bucht von Tonkinn im Vietnamkrieg, der Brutkastenlüge vor dem Krieg von Vater Bush gegen den Irak, der angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak und Sohnemann Bush, bis hin zu den angeblichen Giftgasangriffen Assads auf die eigene Bevölkerung und der Novitschok-Vergiftung der Skripals in Salisburry -  alles Geheimdienstlügen, um Sanktionsmassnahmen Raketenüberfälle oder gar Kriege vorzubereiten.

 Ganselmeier aber nimmt diese mit Bedacht gestreuten Lügen als Tatsachen:
"Die klare Botschaft: Russland setzt weiter alles daran, unsere Demokratie zu schwächen, unsere Gesellschaft zu spalten und unsere Wahlsysteme zu hacken. Trumps Heimatschutzministerin brachte es auf den Punkt: "Unsere Demokratie steht im Fadenkreuz", warnte sie: "Freie und faire Wahlen sind das Fundament unserer Demokratie." Das aber wolle Russland unterminieren - durch Cyberattacken und Hetzkampagnen in den sozialen Medien, die Amerikas Gesellschaft weiter spalten sollen."
 Die Frage die sich stellt, ist Ganselmeier so dumm, den Schlapphüten jedes Wort zu glauben, oder ist er so grenzenlos frech  seinen deutschen Zuhörern Geheimdienstgeschichten als die pure Wahrheit zu verkaufen und damit deren perfides Spiel mitzuspielen, ist verhältnimässig schnell beantwortet, wenn man weiter im Text liest. Schon die Sprache in einem der nächsten Sätze spricht Bände:
"Unter dem Gejohle seiner Anhänger bezeichnet Trump die Vorstellung einer russischen Einmischung in die US-Wahlen als "Schwindel".
Trump Anhänger jubeln nicht, spenden nicht Beifall, sie johlen - Pöbel eben. Das ist bestenfalls Gossenjournalismus.

 Aber damit nicht genug. Ganselmeier begibt sich noch tiefer, unter das Niveau US-amerikanischer Geheimdienste. Die hatten sich hingestellt und Unterstellungen, Vermutungen und offensichtliche Lügen als Wahrheiten verkauft. Ganselmeier reicht das nicht. Er begibt sich ganz tief auf das Niveau von skrupellosen Schmierfinken, die Unterstellungen und Anfeindungen einfach frei erfinden und diese, um rechtlich unangreifbar zu sein, diffamiert er nicht mit Tatsachen, sondern mit Möglichkeiten:
"Doch Trumps fortgesetztes Leugnen - auch nach Helsinki - lässt einen schlimmen Verdacht aufkommen: Vielleicht sieht sich Trump doch in Putins Schuld und hat etwas zu verbergen."
Ganselmeier ist sich zu nichts zu schade. Selbst das im Auftrag von Clintons Wahlkampfteam erstellte Dossier des britischen Geheimdienstler vom MI6, Steele, der auch in der Skripalaffäre eine Rolle zu spielen scheint, ist ihm trotz der Tatsache, dass fast ausschließlich alle US-Medien als zu wenig glaubhaft hielten um es zu veröffentlichen, nicht skurril genug um darauf anzuspielen.

 Ganselmeir scheint völlig losgelöst von der real existierenden Welt:
"Auch seine ständige Kritik an den NATO-Partnern; seine Zweifel, ob es sich lohnt, ein kleines NATO-Land wie Montenegro im Bündnisfall zu verteidigen; seine Verachtung für die Europäische Union - all das könnte direkt aus der Feder Putins kommen."
Der US-amerikanische Präsident, ein willenloses Werkzeug in der Hand Putins, ferngesteuert aus Moskau, eine Drohne russischer Politik in Washington. Fast könnte man glauben, Ganselmeier erhalte sein Geld nicht von der ARD sondern direkt aus Washingtoner Geheimdienstkreisen.

 Der Schlußsatz seines Kommentars allerdings belehrt uns eines besseren:
"Aber Gespräche mit Russland bringen nur dann etwas, wenn man Putin mit Stärke und Selbstbewusstsein entgegentritt: 'Freundchen, wir wissen, was Deine Leute treiben. Und wir lassen uns unsere liberale Demokratie nicht von Russland unterminieren!'"
 Wer meint, so würde internationale Politik funktionieren, der ist nur eines: Grenzenlos dämlich!

 Um 21:45 dann macht, wie oben bereits erwähnt, Karen Mioska den Tag perfekt. Ein Tag, der es verdient in die Geschichte des Journalismus einzugehen. Der Tag, an dem es zum ersten Mal gelang, mehrere Informationssendungen zu füllen, ohne eine einzige Information zu verbreiten. Symthomatisch für derart "Journalismus" der Satz von Karen Mioska:
"Vieles deutet tatsächlich daraufhin, das Moskau immer wieder versuchte, Informationen zu stehlen oder falsche Nachrichten zu streuen."
Das fängt an mit einer unbestimmten, unkonkreten Mengenangabe: "Vieles". Scheinbar weiß man nicht, welche belegten Tatsachen, Ereignisse, Umstände darufhin deuten, dass "Moskau immer wieder....". Wüsste man, was daraufhindeutet, könnte man diese Versuche zählen und konkret benennen, mit Datum, Ort und Uhrzeit. Mioska lässt uns im Dunkeln der Unwissenheit stehen.

 War bisher immer davon die Rede, Moskau habe Informationen von den Servern Hillary Clintons, der Demokratischen Partei und Clintons Wahlkampfmanager John Podesta gestohlen, so spricht Mioska nun nur noch von Versuchen, was bedeutet, dass die veröffentlicheten E-Mail auf Wikileaks also nicht aus Moskau stammen können, da es scheinbar bei Versuchen geblieben ist, die nicht von Erfolg gekrönt waren, denn dann hätte Mioska ja von vollendeten Taten gesprochen.

 Ein Umstand, der von IT-Fachleuten schon immer behauptet wurde, da anhand der Zeitstempel auf den Dokumenten klar ersichtlich ist, dass ein absaugen der Dateien über das Netz in einer dermassen hohen Geschwindigkeit unmöglich ist. Es könne, so die Fachleute, sich nur um Kopien auf einen USB-Stick gehandelt haben - ein Inside-Job.
"Nicht nur in den USA",
ARD-Aktuell hat den ganzen Tag über fieberhaft an einem Beitrag gestrickt, den Mioska jetzt gegen die leicht eingenickte Zuschauerschaft von der Leine lässt. Ulla Fiebig zeichnet verantwortlich für ein Machwerk, dass an journalistischer Inkompetenz und Ignoranz gegenüber den Zuschauern wohl seines Gleichen sucht.

Die schauen zunehmd staunend auf die Kuppel des Bundestages. Die Kamera fährt sprunghaft zurück, so daß immer mehr vom Reichstagsgebäude zu sehen ist. 12 lange Sekunden fällt den Machern der Tagesthemen nichts anderes ein:
"Die Bedrohung ist nicht greifbar - und doch auch in Deutschland allgegenwärtig. Um Wahlen zu beeinflussen und damit letztlich Politik und Stabilitäten von Staaten, werden subtile Mittel und Wege genutzt."
Endlich kommt ein Umschnitt. Die Kamera zeigt uns in einem Fenster das Schild:
"Bundesamt für Verfassungsschutz", 
links davon der Bundesadler. In der Fensterscheibe reflektiert ein Pförtnerhäuschen mit einer auf rot geschalteten Ampel und einem massiven Einfahrtstor. Offensichtlich der Einfahrtbereich zu eben jenem Bundesamt für Verfassungsschutz.
"Der Bundesverfassungsschutz beobachtet schon länger diffuse Gefahren, insbesondere auch aus Russland."
Die Kamera hat voll aufgezogen und zeigt uns nun das Amt in seiner vollen Größe und Gänze, aus einer Weitwinkelperspektive.

Hans-Georg Massen, Präsident des Amtes kommt in einem Filmschnippel aus den tiefen des Archivs zu Wort:
"In Deutschland haben wir in den letzten Jahren wiederholt hybride Angriffe anderer Staaten feststellen müssen. Im Mittelpunkt stand Propaganda und Desinformation, Einflussnahmeversuche, aber auch der Einsatz von Cyberwaffen zur möglichen Vorbereitung von Sabotageakten."
Auch die nächsten Filmschnipsel stammen ganz offensichtlich aus dem Archiv. Eine junge Dame sucht zügigen Schrittes eine Wahlkabine auf:
"Auch die Bundestagswahl im vorigen Jahr galt als mögliches Ziel"
Als nächstes sehen wir den Kopf eines Wahlzettels. Deutlich können wir lesen:

Wahlzettel
 für die Wahl zum Deutschen Bundestag 
im Wahlkreis 93 Köln 1
am 24 September 2017
"Davor hatte der Verfassungsschutz sogar gewarnt. Nur ob tatsächlich etwas passiert ist?"
ARD-Aktuell verabschiedet sich aus dem Archiv und geht hinaus in die frei Natur:
"Die Grünen im Bundestag haben mehrfach nachgefragt und fordern eine echte Aufklärung".
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnisd90/Die Grünen, Konstantin von Notz, steht mit dem Rücken zur Kamera am Ufer eines Sees. Die Kamera schneidet um zegt uns jetzt von Netz groß im Profil und schwenkt dann langsam ins Halbprofil, bevor sie weiter auf von Notz' Handy schwenkt auf dem der offensichtlich etwas sucht. Von Notz, nun Frontal zur Kamera:
"Ich erwarte, dass die Bundesregierung analysiert, welche Gelder zur Bundestagswahl wie flossen. Wie über Social Media, bei Facebook, bei Twitter, bei Google tatsächlich auch Anzeigen geschaltet wurden. Wer da finanziert hat. Das man eben die Dinge macht, die jetzt schon Kommissionen in Grossbritannien und Amerika machen. Das man aufklärt und nachhakt"
 Wieder setzen uns die Tagesthemen mit einer anspruchsvollen Kameraführung in blankes Verzücken. Wir werden Zeuge eines Bildes eines Ausschnittes der Fassade des Bundesministerium des Inneren, gefilmt durch den, das Gebäude umgebenden Zaun. Subtil beobachtet die Kamera dabei, wie sich eine Drehtür wie von Geisterhand betrieben, beginnt zu drehen. Dazu Ulla Liebig:
"Bislang antwortet das Innenministerium immer: Es habe keine belastbaren Erkenntnisse, dass es bei der Wahl Beeinflussungsversuche gegeben habe. Und wie zur Beruhigung..."
 - wieder hat sich das Gebäude des Inneministeriums sprunghaft vom Betrachter entfernt -
"...betont man:"
 - die Kamera zeigt das Standbild einer Innenansicht, vermutlich des Innenministreiums mit einem großen silber glänzendem Bundesadler links auf einer Tür, mit eingeblendetem Text:
"Die Bundesregierung nimmt dieses Phänomen jedoch sehr ernst und beobachtet es kontinuierlich, so dass erforderlichenfalls regiert werden kann."
Die Kamera kehrt zurück zur Kuppel des Bundestages:
"Dabei stehen schon die nächsten Wahlen an: In einigen Bundesländern und nächstes Jahr die Europawahl",
weiß Fiebig. Sinnigerweise zeigt uns die Kamera jetzt ein Bild auf dem links die Europafahne und rechts die Bundesfahne vor dem Reichstag gemächlich im Wind wehen.

 Zum Schluß dieses denkwürdigen Beitrags kommt uns Fiebig mit einem denkwürdigen Appell:
"Die Nutzung von Internet-Plattformen wie Facebook und YouTube spielt dabei eine entscheidende Rolle. Deshalb wird auch gefordert, dass diese mehr tun müssen gegen Desinformation und Manipulation. Es gehe schliesslich um nicht weniger als um die Verteidigung der Demokratie."
 Eine deutsche Journalistin fordert unverblümt eine Beschneidung der Meinungsfreiheit, nicht etwa durch deutsche Gerichte, in einem geordneten, gesetzlich einwandfreiem Verfahren, sondern durch internationale Konzerne, die sich nicht nur der parlamantarischen Kontrolle, sondern auch jeder Gerichtsbarkeit entziehen, und sie begründet dies mit der Verteidigung der Demokratie.

Fassen wir zusammen: Eine nicht greifbare Bedrohung, dennoch in Deutschland allgegenwärtig, also etwas mystisches, geisthaftes.  Eine diffuse Gefahr, beobachtet vom Verfassungsschutz, insbesondere aus Russland, was dessen Präsident scheinbar gar nicht weiß, erwähnt er doch Russland kein einziges Mal in seinem Statement.

Die Bundestagswahl ebenso vage „galt als mögliches Ziel", vor dem der Verfassungsschutz sogar gewarnt hatte. Eine eher haltlose Vermutung, denn „ob tatsächlich etwas passiert ist“, weiß man nicht.

 Dazu ein Statement des Bundestagsabgeordneten der Grünen, von Notz, der im Verdacht steht, dass er auch in einen abgetrennten Flaschenboden grinst, in der Hoffnung es könnte ein Kameraobjektiv sein, mit dem bedenkenswerten Satz: „Das man eben die Dinge macht, die jetzt schon Kommissionen in Grossbritannien und Amerika machen.“

 Trotz all dem, "hätte", "könnte", "würde", dem "Diffusen", dem "nicht Greifbaren", dem "Möglichen", reicht diese wilde Räuberpistole der ARD, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, den Kerngedanken einer jeden Demokratie, die Teilung in Legislative, Exekutive und Judikative auszuhebeln und alle drei Gewalten, großen internationalen Konzernen zu übereignen.

 Mir scheint die Kräfte die im Dunkeln wirken, die ihr Werk mit der Ermordung John F. Kennedys, Martin Luther Kings und Robert Kennedys in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen haben sind kurz vor ihrem Ziel.

Dienstag, 7. August 2018

Rentenreform in Russland - Ein Trost für deutsche Pfandflaschensammler

Der russophobe Mainstream feierte vor gut einer Woche eine Messe. Endlich, endlich schien das Ende nah.
"Putins Umfragewerte brechen ein",
jubelte Spiegel online und ließ sich auch rein optisch nicht lumpen. Ein Archivbild, scheinbar während irgendeinem internationalen Treffen aufgenommen, musste her, um der hochverehrten und ebenso hochverulkten Leserschaft einen zerknirschten, am Boden zerstörten Putin vorzugaukeln.

Screenshot Der Spiegel

Die FAZ assistierte:
"Großdemonstration in Russland gegen Rentenreform".
n-tv wollte es unter einem Rücktritt des Ministerpräsidenten nicht machen:
"Rücktritt Medwedews gefordert - Zehntausende protestieren in Russland"
Der MDR hielt sich zunächst mit Zahlen zurück:
"Umstrittene Rentenreform - Proteste gegen Anhebung des Rentenalters in Russland",
was wohl auch der allgemeinen Konfusion in der Redaktion geschuldet war:
"In Russland haben tausende oder sogar zehntausende Menschen gegen die geplante Anhebung des Rentenalters protestiert."
Denn wie immer, wenn in Moskau oder St. Petersburg drei Menschen zusammen stehen und miteinander diskutieren, geraten unsere Medien in Verzückung:
"Allein bei einer Veranstaltung im Zentrum von Moskau gingen nach Angaben der Organisatoren am Samstag 100.000 Menschen auf die Straße."
Die Realität sieht dann leider aber immer wieder ganz anders aus:
"Die Polizei sprach allerdings nur von 6.500 Demonstranten in der russischen Hauptstadt. Hinzu sollen Tausende in anderen Städten Russlands gekommen sein."
Da sind's dann plötzlich keine hunderttausend mehr - selbst mit den Zehntausenden wird es äusserst knapp, zumal weder der MDR noch die anderen Protagonisten, ausser für Moskau für irgendeine andere Stadt auch nur die Andeutung einer Zahl nenne konnten.

Die Huffington Post:
"Proteste in Russland - Ich sterbe bis zur Rente",
 macht noch einen schwachen Versuch:
"Gewerkschaften, die Kommunistische Partei und linke Gruppen mobilisierten ihre Anhänger am Samstag und Sonntag in Dutzenden russischen Städten, darunter Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg, Nowosibirsk und Wladiwostok",
aber Zahlen mochte auch diiese Quelle nicht nennen. Selbst der strittige Versuch die Teilnehmerzahlen von Demonstrationen gleich zweier Tage zusammenzuzählen, schafft es nicht auf "Zehntausende":
"Allein in Moskau gingen am Samstag nach verschiedenen Schätzungen zwischen 6500 und 12.000 Menschen auf die Straße, am Sonntag nach Polizeiangaben 2500."
Hier tut sich die Frage auf, wie die Huffington Post in der Lage sein will, Berichte aus Moskau, immerhin die Hauptstadt des flächengrößten Landes der Erde und eine der größten Nuklearmächte, von einiger Relevanz zu liefern, wenn dort scheinbar niemand ist, der halbwegs seriös melden kann wieviele Menschen an einer Demonstration teilgenommen haben - 6.500, oder 100.000?

 Stattdessen müht sich die Huffington Post die Brisanz der Demonstration zu erhöhen:
"An einer der Demonstrationen nahm auch der Oppositionelle Alexej Nawalny teil"-
Navalny, der in der hiesigen Presse gern als Oppositionsführer bezeichnet wird brachte bei der von Ihm organisierten Demonstration am Sonntag gerade einmal angebliche 2.500 Menschen auf die Strasse und das bei einer Einwohnerzahl Moskaus von über 11 Millionen Menschen - wohl eher ein kümmerlicher Haufen.

 Allerdings für die Huffington Post ein sicheres Zeichen für das nahende Ende der Putinzeit. So zitiert sie angeblich einen der Demonstranten:
"Einer sagte der HuffPost: 'Dann kommt die Revolution.'" 
 Leider veräppelt das Online-Portal seine Leserschaft. Die Aussge ist überhaupt nicht während der Demonstration gefallen sondern bereits zwei Wochen alt. Die Huffington Post zitiert sie sich nur selbst. Denn schon am 15. Juli bewundert Jürgen Klöckner die seherischen Fähigkeiten des jungen Frederik Diadkow. Der sagt bereits einen Tag nach dem Beschluss in der Duma, während er selbst intensivst an der Nichterreichung des eigenen Rentenalters arbeitet ("pustet den Rauch einer Zigarette der Billigmarke “21. Jahrhundert” aus"):
"Aber ich denke, dass wir nach der Weltmeisterschaft große Proteste in Russland erleben werden.(…) Dann ist alles möglich. (…) Spürbare Veränderungen in der Regierung oder vielleicht sogar eine friedvolle Revolution."
 Das sieht man beim Spiegel ähnlich. Die Putin-Dämmerung zieht herauf, weshalb man sich bei dem Blatt auch nur noch am Rande mit dem Grund für die Demonstrationen befasst und vielmehr die sinkenden Werte Putins bei den landesweiten Umfragen zum Hauptthema macht.
"Ich sterbe bis zur Rente"
fand auch die Tagesschau eine besonders gute Überschrift. Bei der Tagesschau war man regelrecht fasziniert vom Tode so vieler Russen noch vor dem Erreichen des Rentenalters, dass der gesamte Text, gefühlt, nur aus dieser einen Aussage bestand:
 "Viele sterben vor der Rente" 
"Die Lebenserwartung in Russland ist niedrig, viele sterben vor dem Rentenalter..." 
"Wir wollen von unseren Renten leben und nicht bei der Arbeit sterben"  
 und noch einmal:
"Ich sterbe bis zur Rente"
und in einer etwas anderen Variante:
"...dass vor allem Männer kaum mehr den Renteneintritt erleben, denn die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland beträgt für Männer etwa 67".
 Hinzu kommen die bei der Tagesschau die zum üblichen Tagesgeschäft zählenden kleinen Lügen und Ungenauigkeiten wie die Bildunterschrift:
 "Zehntausende demonstrieren gegen Putins Rentenreform."
 Wohl wissend, dass die Verlängerung der Lebensarbeitszeit beileibe nicht "Putins Rentenreform" ist. Oder:
"Allein in der Hauptstadt Moskau gingen nach Angaben der Organisatoren bis zu 100.000 Menschen auf die Straße...",
eine in der ARD wohl festgelegte Zahl, mit der ja auch der MDR schon einmal versucht hatte, die Menschen hinters Licht zu führen. Man fragt sich wirklich, was die Korrespondenten der ARD in Moskau eigentlich tun, so den ganzen Tag. Es müsste doch möglich sein irgendeinen Udo Lielischkies mal auf die Straße zu schicken um abzuschätzen wieviele Teilnehmer denn nun so eine Demonstration gehabt hat.

 Bei Barbara Oertel, immerhin Ressortleiterin Ausland, beim Zentralorgan der Grünen, taz, flogen gleich sämtliche Sicherungen aus dem Kasten. Die Frau beklagte lauthals, die:
"durchschnittliche Lebenserwartung liegt vor allem in den Regionen der Russischen Föderation gerade einmal bei 62 Jahren."
 Woher Frau Oertel diese Information hat, liegt im Dunkel völliger geistiger Umnachtung. Alle verfügbaren Daten sprechen von einer Lebenserwartung bei den Männern von über 65 Jahren. "Statista - Das Statistik-Portal":
"Im Jahr 2016 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei der Geburt in Russland rund 66,5 Jahre."
"Knoema", das Online-Datenportal, das die z. Z. neuesten Daten über die Lebenserwartung zur Verfügung stellt spricht von einer Lebenserwartung bei den russischen Männern in 2017 von 65,65 Jahre gegenüber 65,51 in 2016 und 65,33 in 2015. Die der Frauen beträgt 76,75 Jahre, Stand 2017. Die Tendenz zeigt also eine kontinuierliche Zunahme der Lebenserwartung. Eine Tatsache, die Oertel völlig aus dem Häuschen bringt:
"Sozial verträgliches Frühableben à la Wladimir Putin eben."
 Oertel scheint aber nicht nur selbst schwer verwirrt zu sein, sie verwirrt auch uns die Leserinnen und Leser:
"Keinem Menschen, der noch halbwegs bei Verstand ist, leuchtet es ein, warum sich jemand nach jahrzehntelanger harter Arbeit noch länger kaputt schuften soll, und das für ein Altersruhegeld, das oft nicht reicht, um in Würde leben und altern zu können."
 Wer ist dieser "Jemand"? Ist er Russe, Us-Amerikaner oder gar ein deutscher Arbeitnehmer? Immerhin arbeiten in den USA noch 37 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen zwischen 65 und 69 Jahren und immerhin noch 8,4 Prozent der über 75-Jährigen. Und auch in Deutschland scheinen immer mehr Menschen von ihrer Rente nicht mehr leben zu können. In den "Deutschen Wirtschaftsnachrichten" konnte, wer denn wollte, am 29 Juli folgendes lesen:
"Im Dezember 2017 gab es knapp 1,1 Millionen Minijobber ab 65 Jahren, wie die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann am Donnerstag unter Berufung auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte. Ende 2003 waren es noch rund 587.000."
 Im gleichen Zeitraum bezogen laut Deutscher Rentenversicherung 17.510.627  Menschen Altersrente. Eine kleine Rechnung ergibt , dass 6,3 Prozent dieser Bezieher von Altersrente dazuverdienen mussten, weil ihre Rente nicht zum Lebensunterhalt reicht.

  Flaschen sammelnde alte Menschen, überlaufene "Tafeln" und "Tische" Menschen, die in hohem Alter ihre angestammte Wohnung räumen müssen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können, für Oerter kein Grund, die von einer Rot/Grünen Regierung beschlossenen Kürzungen der Renten und Sozialleistungen zu beklagen. Ganz im Gegenteil: Der böse Russe muss auch hier herhalten um von eigenen Problemen bei uns in Deutschland abzulenken. Da hat der alte Flaschensammler einen Trost. Sein Magen ist zwar leer, aber den Russen, denen geht es ja noch einmal schlimmer.

  Für Oertel hingegen gilt die offizielle Zustandsbeschreibung der deutschen Lebenssituation durch die Deutsche Bundeskanzlerin auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos am 24. Januar 2018:
"Wir sind in Deutschland momentan in einer Situation, in der wir sagen können: Uns geht es gut, uns geht es sehr gut."

Freitag, 20. Juli 2018

Der deutsche Mainstream, auf dem rechten Auge blind wenn es um die Ukraine geht

 Im Jahr 2016 erschien im Westendverlag das Buch des Autors und Politikwissenschaftlers Ulrich Tausch mit dem Titel "Lückenpresse - Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen". Der Titel, der den Begriff "Lügenpresse" aufgreift, der besonders von Demonstranten aus dem rechten Lager immer wieder lautstark gebrüllt und mit dem nicht selten politisch andersdenkende niedergeschrien werden, ist aber zugleich eine Distanzierung des Autors davon.

 Tausch der in seinem Werk mit dem Mainstream hart ins Gericht geht, sieht das Problem nicht so sehr in offensichtlichen Lügen der Presse, sondern eher im weglassen, im totschweigen, in den beredten Lücken in "Tagesschau", "heute", in Zeit, Welt und Süddeutscher. Eine Lüge, so sie denn öffentlich aufgedeckt und thematisiert wird, ist eher kontraproduktiv für das Anliegen des Verfassers. Eine unterschlagene Meldung hingegen ist nicht fassbar. Die Macher können sich sehr leicht herausreden, dass man schliesslich nicht alles senden oder drucken könne, dass man täglich eine Auswahl aus der riesigen Flut von Meldungen treffen müsse und da könne es schon passieren, dass das Eine publiziert und das Andere, das der Beschwerdeführer für wichtig halte, leider unter den Redaktionstisch fallen müsse.

 Aber gerade mit der Auswahl der veröffentlichten Nachrichten und noch vielmehr mit der Unterschlagung anderer Themen wird ganz massiv Politik gemacht. Belege dafür gibt es fast täglich. So werden Terroranschläge in der dritten Welt lediglich, wenn überhaupt nur unter der Rubrik sonstiges vermeldet, während Terroranschläge in den USA oder Europa regelmässig in einer breitgewalzten, medial aufbereiteten Form an erster Stelle in den Nachrichtensendungen und auf den Titelseiten der Zeitungen gebracht werden. Hierfür drei Beispiele aus der Vergangenheit:

 Da ist zunächst der 15. April 2013. In Boston wurde ein Anschlag auf die Teilnehmer und Zuschauer des Boston-Marathon verübt. Zwei Bomben töteten 3 Menschen und verletzten 264 weitere, zum Teil sehr schwer.

 Am gleichen Tag kamen bei Attentaten im Irak, in Bagdad, in Kirkuk,  Al-Hilla, Al-Musajib, Bakuba, Tikrit und Mossul 28 Menschen ums Leben und 140 wurden zum Teil schwer verletzt. Während der Anschlag auf den Boston Marathon über mehrere Tage medial breit ausgewalzt wurde, fanden die Anschläge und die Opfer im Irak in unseren Medien gar nicht statt.

Am 14. Oktober 2017 kamen in der Somalischen Hauptstadt Mogadischu bei einem Bombenattentat 300 Menschen ums Leben und viele hundert wurden verletzt.

 Die ARD brachte in ihren Tagesthemen um 23:30 lediglich eine Kurzmeldung von 24 Sek. in der Rubik „Weitere Meldungen im Überblick“ zwischen einer Meldung um die bevorstehende Einnahme der syrischen Stadt Rakka durch die, wie es hieß, von den USA geführte Koalition und einer Meldung über die Waldbrände in Kalifornien (26 Sek.).

Selbst ein Beitrag über den Hollywood-Grabscher und Filmproduzenten Harvey Weinstein schien den Machern der Sendung um einiges wichtiger zu sein als die Opfer der Bluttat von Mogadischu.

 Etwas mehr als zwei Wochen später, am 31. Oktober 2017 hatte es in New York eine schwere Terrorattacke gegeben. 8 Menschen kamen dabei ums Leben, mehrere wurden, zum Teil schwer verletzt. Ein Mann war mit einem geliehenen Van auf einen Fahrradweg entlang des Hudson Rivers gefahren und hatte dabei die Menschen niedergefahren. Die Tagesthemen der ARD berichteten am gleichen Tag 4:14 Minuten über das Attentat und die ARD brachte in der Folge der nächsten Tage etliche Sendungen mit minutenlangen Beiträgen zu dem Vorfall aus New York.

  Am 28. Oktober hatte es bereits einen weiteren schweren Terroranschlag in der somalischen Hauptstadt Mogadischu innerhalb weniger Tage gegeben. 27 Menschen kamen ums Leben und etliche wurden verletzt. Die Attentäter brachten zunächst zwei Autobomben zur Explosion und stürmten dann ein Hotel.

 Ein Zusammenschnitt von Agenturmaterial von gut 30 Sekunden, hinterlegt mit einem Text aus dem Off reichten der Tagesschau um 20:00 Uhr scheinbar aus, um ihre Zuschauer umfassend zu informieren. Der in etwa gleiche Beitrag war in den Nachrichtensendungen der Tagesschau über den Tag hinweg gezeigt worden.

 Zufall oder kühl abwägendes Kalkül? Man könnte diese Beispiele endlos fortsetzen, die letztlich bei den Rezipienten den Eindruck entstehen lassen, der Westen, Europa, die USA seien vordringliche Opfer hauptsächlich islamistischer Terroristen. Eine wunderbare Basis, um den Menschen den Kampf gegen den Terror zu verkaufen, um die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten, staatliche Überwachung bis hinein in den intimsten privaten Bereich, militärische Aufrüstung und die Stigmatisierung bestimmter Volksgruppen oder Religionen problemlos akzeptant zu machen.

 Jedes Jahr gibt das "Institute for Economics and Peace" mit Sitz in Sydney, New York und Den Haag seinen "Global Terrorism Index" heraus. Eine Grafik, die die Anzahl der Terroranschläge und die Anzahl der Todesopfer weltweit, unterteilt nach Weltregionen darstellt, verdeutlicht überklar, das die Gefahr in Europa oder Nordamerika, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, der veröffentlichten Meinung diametral entgegensteht.

Screenshot Global Terrorism Index, Institute for Economics and Peace


Dieser Manipulation durch Überhöhung und Weglassen, bzw. Kleinreden begegnet man tagtäglich und schafft inm Laufe der Zeit eine andere von den Mächtigen der Welt konstruierte Wirklichkeit, die mit der Realität nur noch wenig bis gar nichts zu tun hat:

"Russland hat die Krim annektiert", ist inzwischen zu einer feststehenden Wahrheit geworden. Selbst kritische Zeitgenossen schreiben und sprechen heute von der Annexion der Krim. Die Krim ist nachdem sie sich von der Ukraine unabhängig erklärt hatte, der Russischen Föderation beigetreten. Der Völkerrechtler Reinhard Merkel schreibt in seinem beachtenswerten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen vom 08. April 2014:
"Sezession, Referendum und Beitritt schließen eine Annexion aus, und zwar selbst dann, wenn alle drei völkerrechtswidrig gewesen sein sollten."
Die wirklichen Geschehnisse im Frühjahr 2014 werden stoisch ausgeblendet, finden keinerlei Beachtung, während die eine, die "richtige Sicht" auf die Dinge immer und immer wieder, wiederholt wird.

Das Gleiche geschieht mit dem Krieg im Osten der Ukraine. Während die Weltpresse einzig und allein die "Separatisten" im Donbas, unterstützt von Russland, verantwortlich für die Anzahl der Todesopfer, angeblich 10.000, macht, wird vollkommen unterschlagen, dass es die damalige Putschregierung in Kiew war, die Militär und schwere Waffen in den Osten des Landes schickte, um die Bevölkerung, die dieser unrechtmässigen Regierung kritisch und ablehnend gegenüberstand, mit zum Teil schweren Artilleribeschuß, heim ins Reich zu holen.

 In Syrien wurden jahrelang ausschliesslich Opfer des Krieges auf Seiten der Ausständigen, der Kopfabschneider und militanten Islamisten gezeigt. So entstand der Eindruck, das der Krieg nur von der Assad-Regierung brutal und menschenverachtend gegen die friedlichen, demokratischen und freiheitlich gesinnten "Rebellen" geführt wurde, während diese augenscheinlich nur mit Wattebäuschen warfen.

 Dabei sind diese "großen" Ereignisse nur die Spitze des Eisberges. Viel wichtiger und viel effektiver sind die kleinen alltäglichen Geschichten, in denen uns ein ganz anderes Weltbild untergeschoben wird, Mit denen ein ganz bestimmtes Framing in unseren Köpfen erzielt werden soll.

 Eine dieser kleinen Geschichten spielte sich Anfang Juli am Rande der Fußballweltmeisterschaft in Russland ab. Da hatte der Spieler der kroatischen Nationalmannschaft Vida, nach dem durch Elfmeter gewonnenem Viertelfinalspiel gegen Russland in der Kabine
"Slawa Ukraini",
gerufen. Der Gruß stammt aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges und wurde damals von der  Ukrainische Aufständische Armee (UPA), einer Organisation, die an der Seite Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion kämpfte und an zahlreichen Verbrechen gegen Juden, Sinty und Roma beteiligt war, verwand. "Slawa Ukraini" ruft der Anführer und die Meute antwortet: "Herojam Slawa!" Der Gruß ist angelehnt an den Nazigruß "Sieg heil" und "heil Hittler" und heißt übersetzt "Heil Ukraine" - "Helden Heil!" Wiederbelebt wurde dieser Nazigruß vom Maidan. Zunächst wohl von der Partei Svoboda und dem "Prawyj Sektor", dem "Rechten Sektor" angewandt, hat sich dieses Relikt aus sehr dunklen Tagen mittlerweile zu einem gebräuchlichen Gruß in der gesamten Ukraine gemausert.

 Der offensichtlich rechtsradikale bis faschistische Duktus des Grußes war der Westpresse dann doch wohl etwas unangenehm und so wurde aus "Heil Ukraine" - "Helden Heil!" ein wesentlich unverfängliches "Ruhm der Ukraine!“ - „Ehre den Helden!" Diese Sprachregelung gilt bis heute und ist jedesmal, wenn sie angewandt wird eine dieser kleinen Manipulationen, die durch weglassen des Wortes "Heil", den gesamten historischen Hintergrund wegwischt und die Rechtslastigkeit der heutigen Ukraine verdecken hilft.

 Um so ärgerlicher, dass ein angetrunkener kroatischer Fußballspieler diese ganze, mühsam unter der Decke gehaltene Geschichte mit seinem Ausruf, auf Video aufgenommen und im Internet verbreitet, wieder in die Öffentlichkeit hinausposaunt. Da gilt es Schadensbegrenzung zu betreiben. Blätter wie "RP online" oder der Österreichische Standard, wie auch die Deutsche Welle, belassen es einfach bei einer falschen Übersetzung des Zitats:
"In einem Video jubelte der 29-jährige Torschütze kurz nach dem Spiel in der Nacht auf Sonntag: 'Ehre für die Ukraine!'“
Nach dem Motto, am besten gar nicht dran rühren. Die Unbedarfteren unter den Lesern fragen sich unwillkürlich, warum denn ein Fußballer, der einer anderen Nation, die nicht einmal an dem Tunier teilnimmt Ehre wünscht, von der Fifa sanktioniert wird.

 Die meisten anderen Publikationen halten sich an einen Text der Nachrichtenagentur "dpa".
"'Ruhm der Ukraine' war der Slogan der revolutionären Bewegung, die 2014 den von Russland unterstützten Präsidenten Wiktor Janukowitsch gestürzt hatte",
schreibt die Süddeutsche sowohl als auch nt-v und unterschlägt dabei einfach woher dieser Gruß wirklich kommt und welch zweifelhafte Berühmtheit er in den dreißiger Jahren hatte. Schließlich waren das die Worte , die viele Menschen als letztes hörten, bevor sie der Genickschuss der UPA-Schergen traf.

Keine Redaktion dieser Medien macht sich übrigens die Mühe einen egenen Text zu verfassen. Man nimmt das Material der dpa und gibt es mehr oder weniger unverblümt als das Produkt eigenen Hirnschmalzes aus.

Nur "Spiegel online" und die "taz" haben eigene Texte verfasst, dabei allerdings auch ihre ganz eigene spezielle Sicht auf die Ereignisse zum Besten gegeben.

 Der Spiegel verkehrt die Dinge einfach in ihr Gegenteil. Er beförderte den kroatischen Abwehrspieler Domagoj Vida vom Täter zum armen, bemitleidenswertem Opfer:
"Ganz ohne Hass und Enttäuschung ging es jedoch nicht. Opfer waren jedoch nicht wie so oft früher die eigene Mannschaft, sondern zwei Kroaten: Spieler Domagoj Vida und Trainerassisten Ognjen Vukojevic."
Letzterer hatte,
"den Sieg (seiner Mannschaft) der Ukraine und seinem alten Club Dynamo Kiew" 
gewidmet.

 Auch der Spiegel zitiert den alten Nazispruch in seiner falschen deutschen Übersetzung:
"Vida hatte nach dem Spiel einen kurzen Clip veröffentlicht, in dem er 'Slawa Ukraine' ('Ehre für die Ukraine') sagt",
 Der Autor, Maxim Kireev, aber wendet einen geradezu diabolisch genialen Kniff an. Mit diesem Kniff verwandelte er den alten Nazigruß, gleichsam dem biblischen Beispiel, der Wandlung des Saulus zum Paulus folgend, in ein harmloses ukrainisches "Grüß Gott" um, geboren während des heldenhaften Kampfes des ukrainischen Volkes für Freiheit und Demokratie auf dem Maidan:
"Das war einst ein Ruf ukrainischer Nationalisten, der jedoch nunmehr zu einem Symbol der Maidan-Revolution 2014 geworden ist."
Einen ganz anderen Aspekt der Sache offenbart Andreas Rüttenauer von der taz. Rüttenauer schwärmt von eienm Shitstorm, der sich im Netz breitmacht:
"Die Fifa steht unter Beschuss. Bei Facebook wird der Internationale Fußballverband in Grund und Boden bewertet."
Genüsslich und in aller epischen Länge und Breite berichtet er,
"während sich dessen Präsident Gianni Infantino und Russlands Staatschef Wladimir Putin gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich für die allerbeste WM aller Zeiten lobpreisen",
wie
"ein virtueller Flashmob aus der Ukraine, der da auf der Facebook-Seite der Fifa stattfindet"
und
"das Rating der Fifa auf Facebook ins Bodenlose"
sinkt:
"Weit mehr als 100.000 Menschen haben seit Montagabend den Auftritt der Fifa bei Facebook mit nur einem von fünf möglichen Sternen bewertet".
Völlig besoffen von seiner eigenen Formulierungskunst wiederholt er sich:
"Das durchschnittliche Rating sinkt in Bodenlose",
um den Triumph der tumben Masse über Verstand und Anstand gebührend zu feiern:
"Am Dienstagmittag stand es noch bei 1,2 Sternen."
In der Ukraine und scheinbar auch in der Redaktion der taz
"will man indes gar nicht einsehen, warum es überhaupt eine Strafe nach sich zieht, wenn jemand der Ukraine Ruhm wünscht."
So zitiert Rüttenauer aus einem Papier des Ukrainischen Fußballverbandes:
"'Slava Ukraini‘ ist eine gebräuchliche Grußformel in der Ukraine, die mit den Worten 'Ruhm den Helden!’ beantwortet wird“, heißt es in dem Schreiben des Ukrainischen Verbands an die Fifa."
 Na dann ist ja alles wieder gut und wir können unsere Nationalmannschaft, wenn sie denn dereinst wieder erstarkt zur Europameisterschaft fahren sollte unter dem Beifall der Mainstreampresse mit dem Gruß "Sieg Heil", in den Kampf um Ruhm und Ehre in die Welt hinaus schicken.

 Es sind die kleinen Tricks, das tägliche Trommelfeuer der Propagandisten in den Redaktionsstuben, die unser Hirn weichklopfen. Hier etwas weggelassen, dort etwas hinzugefügt, eine kleine Ungenauigkeit bei der Übersetzung, eine, fast unmerkliche, Umdeutung der geschichtlichen Ereignisse und ohne es zu bemerken, werden wir manipuliert.

 Bleiben wir bei unserem Beispiel: Während der Gruß "Slawa Ukraini", fälschlich in das harmlos klingende "Ruhm der Ukraine" übersetzt wird, die geschichtliche Dimension dieses faschistischen Grußes völlig aus der Berichterstattung eliminiert wird, eröffnet man einen Nebenkriegsschauplatz. Fast alle Blätter zitieren wörtlich aus dem dpa-Bericht:
"Die Beziehungen zwischen Moskau und Kiew sind seit der Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim 2014 und der Unterstützung der prorussischen Separatisten in der Ostukraine zerrüttet."
 Das hat zwar mit dem Thema nur äusserst rudimentär zu tun, aber da ist er wieder, der stete Tropfen, der letztendlich den Stein aushöhlt, der Dampfhammer, der auf unser Hirn einwirkt, bis wir glauben, was wir glauben sollen. Eine kleine Geschichte nur - schnell wieder vergessen, aber was bleibt ist das Framing der, auch mit der Symbolik eines eigenen Grußes um ihre Freiheit kämpfende Ukraine, die Annexion der Krim durch die Russische Föderation und die Menschen im Donbass, die sich nicht unter die Fuchtel einer Putschregierung in Kiew begeben wollten, sind "prorussische Separatisten".

 Dafür fehlt dann eine andere kleine Geschichte. Eine Geschichte, die uns unsere Medien vorenthalten haben. Eine Geschichte, die man dem deutschen Michel nicht zumuten wollte, weil man ihm nicht traut, seiner transatlantischen Standfestigkeit. Weil man seiner Psyche einen Hang zur Russischen Seele nachsagt. Und eine Geschichte, die zeigt, dass man in dem faschistische Gruß "Heil Ukraine", nicht von ungefähr, wie der Ukrainische Fußballverband reklamiert, "eine gebräuchliche Grußformel in der Ukraine" sieht.

 Christoph Miller schreibt am 26. April auf der Seite des, der russischen Propaganda absolut unverdächtigen US-amerikanischen Auslandssenders "Radio Free Europe Radio Liberty":

"Ein Roma-Camp i Kiews Naturschutzgebiet Lysa Hora wurde in der Nacht vom 20. auf den 21. April von mehr als einem Dutzend Mitgliedern der rechtsextremen nationalistischen Gruppe C14 angegriffen. Die Gruppe hat ihren Namen von einer 14-Wort-Phrase, die von weißen Rassisten verwendet wird. Die Gruppe hat  in anderem Zusammenhang auch schon mal offen angeboten, als bezahlte Schläger zu arbeiten. Serhiy Mazur, ein prominentes C14-Mitglied, prahlte am selben Tag in einem weit verbreiteten Facebook-Post mit einem Foto das einen Mann in einer C14-Jacke zeigt, der neben einem brennenden Zelt steht."
Der Name der Gruppe, "C14" ist die Anspielung auf einen Slogan von dem in einem US-Gefängnis verstorbenen Us-amerikanischem Nazi, David Lane:
„We must secure the existence of our people and a future for White children.“ „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.“
Unter Rassisten ist der Satz sehr populär und wird weltweit, sowohl in seiner vollen Länge als auch in Synonymen wie „14 Wörter“, „vierzehn Wörter „oder „14“ benutzt.

Amnesty International Ukraine, sieht den Post als einen "Beweis" dafür an, dass die Gruppe sich sicher ist, dass sie "volle Straffreiheit" genießt. Miller zitiert den Polizeichef von Kiew, Andriy Kryshchenko, der in einem Interview des Fernsehsenders 112 sagte,
"dass nur Müll im Lager verbrannt wurde. Sein Büro habe keine Aussagen der Roma-Gruppe über einen Angriff erhalten und könne daher den Vorfall nicht weiter kommentieren oder eine Untersuchung eröffnen."
Die Geschichte ist allerdings kein Einzelfall. Am 09. Mai brannte eine unbekannte Gruppe in dem Dorf Rudne in der Region Lemberg ein Roma-Lager nieder.

Am 22. Mai griffen Unbekannte in dem Dorf Velyka Berezovytsa nahe dem westlichen Ternopil ein Lager der Roma an und brannten es nieder.

 Am 08. Juni schreibt Miller wiederum auf "Radio Free Europe Radio Liberty":
"Vor laufenden Kameras zerstörten Mitglieder der rechtsextremen Asow-Miliz National Druzhyna am 07. Juni Äxte und Vorschlaghammer schwingend, ein Roma-Lager in Kiews Holosiyivskiy-Park. Der Angriff ist der zweite derartige Vorfall von rechtsextremen Bürgerwehrern in Kiew und der vierte in der Ukraine in den letzten sechs Wochen."
Die Gruppe National Druzhyna wurde im Januar von Veteranen des rechtsextremen Asow-Bataillons gebildet.

Am 24. Juni ist auf Radio Free Europe Radio Liberty dann zu lesen:
"Im Zusammenhang mit einem tödlichen Überfall auf ein Roma-Camp in einem Wald am Stadtrand von Lemberg sind in der Westukraine sieben Menschen festgenommen worden. Laut Angaben der Behörden wurde am 24. Juni kurz vor Mitternacht ein 24-jähriger Roma-Mann aus einem Dorf in der Nähe der Stadt Riwne bei dem Angriff getötet, der von einer Gruppe maskierter Männer verübt wurde. Nach Angaben der Polizei wurden vier weitere Personen infolge des Anschlags mit Stichverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert - darunter ein 10-jähriger Junge, zwei 19-jährige Männer und eine 30-jährige Frau."
In einem offenem Brief an den Ukrainischen Innenminister Arsen Avakov und Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko, unterzeichnet von "Human Right Watch", "Amnesty International", "Front Line Defenders" und "Freedom House" werden weitere Übergriffe Rechtsradikaler genannt:
"Seit Anfang 2018 haben Mitglieder radikaler Gruppierungen wie C14, Right Sector, Traditsii i Poryadok, Karpatska Sich und andere mindestens zwei Dutzend gewalttätige Angriffe, Drohungen oder Einschüchterungen in Kiew, Winniza, Uzhgorod, Lemberg, Czernowitz, Iwano-Frankiwsk und anderen ukrainischen Städten durchgeführt. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, griffen Mitglieder radikaler Gruppen die Teilnehmer des Frauenmarsches in Kiew physisch an und benutzten Pfefferspray. Die am Tatort anwesenden Polizisten beobachteten lediglich die Angriffe und unternahmen keine Schritte, um sie aufzuhalten oder zu verhaften. Am 10. Mai störten etwa 30 Angehörige anderer Gruppen, die Gewalt anwenden und für Hass eintreten, eine von Amnesty International in Kiew organisierte Veranstaltung, bei der über Menschenrechtsverletzungen gegen LGBTI-Personen in Russland und der Ukraine diskutiert werden sollte. Die Angreifer blockierten den Eingang zum Veranstaltungsort und riefen Todesdrohungen gegen die Organisatoren und Teilnehmer aus. Die am Ort anwesenden Polizeibeamten der Bezirkseinheit Pechersky weigerten sich, sich einzumischen und machten homophobe Bemerkungen gegen die Mitarbeiter von Amnesty International. Am 19. Mai unterbrachen etwa 50 Mitglieder anderer Gruppen, darunter einige, die von Zeugen identifiziert wurden, auch am 8. März und 10. Mai in Kiew beteiligt gewesen zu sein, das Festival der Gleichheit in Czernowitz. Trotz zahlreicher Vorbesprechungen und Zusicherungen durch die örtliche Polizei haben sie die Veranstaltung nicht effektiv geschützt und klar identifizierbare Personen aus diesen Gruppen in den Veranstaltungsort im Innenbereich gelassen, was die Sicherheit und das Wohlbefinden der Teilnehmer gefährdete."
Die Unterzeichner beklagen die scheinbar geringe Lust der Behörden gegen rechte Schlägertrupps einzugreifen:
"Es ist keine Überraschung, dass die Anzahl der gewalttätigen Angriffe und Drohungen durch solche Gruppen zunimmt, da die unzureichende Reaktion der Behörden die Botschaft sendet, dass solche Handlungen toleriert werden. Wir fordern Sie auf, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um Handlungen zu verhindern und zu stoppen, die Hass und Diskriminierung fördern und dass sie die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen."
Von diesen rechtsradikalen Umtrieben in der Ukraine erfahren wir hier nichts. Von den ersten Tagen des Maidan im Winter 2013 / 2014 an, bis heute wird die Rechtslastigkeit von Regierung und Verwaltung in der Ukraine vom Mainstream bestritten und als russische Propaganda dargestellt.

 Am 14. Februar 2014 gab die Heinrich-Böll-Stiftung aufschlussreiche Handlungsanweisungen an die Presse:
"Die starke Betonung der Beteiligung rechtsextremer Randgruppen an den Protesten in einigen internationalen Medienberichten ist ungerechtfertigt und irreführend. Sie hat möglicherweise mehr mit dem Sensationspotential radikalnationalistischer Parolen, Symbole oder Uniformen zu tun, als mit der tatsächlichen Lage vor Ort."
und schlussfolgerte messerscharf:
"Wir vermuten sogar, dass in einigen Berichten, insbesondere solcher kremlnaher Massenmedien, die übermäßige Betonung der rechtsradikalen Elemente auf dem Kiewer Euromaidan nicht auf antifaschistischen Motiven beruht. Im Gegenteil, derartige Berichterstattung ist paradoxerweise womöglich selbst Ausdruck von imperialistischem Nationalismus sein, in diesem Falle von dessen russischer Variation. Mit ihrer gezielten Diskreditierung einer der größten Massenbewegungen zivilen Ungehorsams in der Geschichte Europas liefern die russischen Medienberichte einen Vorwand für die politische Einmischung Moskaus, ja womöglich sogar für eine künftige militärische Intervention Russlands in der Ukraine, ähnlich derjenigen in Georgien 2008"
Der Böll-Stiftung schwebte schon 2014 eine gewisse Selbstzensur der Journaille vor:
"Angesichts dieser Risiken bitten wir Kommentatoren, etwa solche aus dem linken Spektrum, bei ihrer berechtigten Kritik des radikal ethnonationalistischen Lagers im EuroMaidan vorsichtig zu sein...
Wir bitten außerdem westliche Kommentatoren, die besondere Lage der ukrainischen Nation im Auge zu behalten und die komplizierte Situation des noch jungen, fragilen Staates zu berücksichtigen, der einer ernsthaften äußeren Bedrohung gegenübersteht.
Schließlich bitten wir jene, die entweder kein größeres Interesse oder kein tiefergehendes Wissen über die Ukraine haben, sich nicht ohne gründliche Recherchen an Kommentaren über die verwirrenden politischen Verhältnisse dieses Transformationsstaates zu versuchen. "
So funktioniert er der moderne Journalismus: Berichtet wird nicht was ist, sondern was nutzt, berichten soll nur derjenige, der die richtige innere Einstellung mitbringt. Was politisch unerwünscht ist, wird verschwiegen. Die Medienkonsumenten dürfen nur erfahren, was ihnen die "richtige" Einsicht vermittelt. Den Rest macht dann das korrekte Wording. Aus Rechtsradikalen und Faschisten werden z. B. Ethnonationalisten und die Gewalttaten rechter Schlägertrupps gilt es "adäquat zu interpretieren".

Montag, 16. Juli 2018

Schluß mit Lustig - den Blick auf die WM in Russland ins rechte Licht gerückt

 So, das war's dann. Fast hätte sich die heimische Presse selbst vergessen in ihrer Lobhudelei über das russische Sommermärchen, die freundlichen, weltoffenen Menschen, die freundlichen Polizisten, ja, selbst der Belag der Straßen war glatt und gut befahrbar, die Organisation reibungslos und von den gefürchteten Hooligans weit und breit nichts zu sehen.

 Dem Tagesspiegel war es nun genug. Irgendwann mußte Schluss sein mit der Lobhudelei. Schliesslich waren die deutschen Kicker schon über vierzehn Tage zu Hause und bei der Berichterstattung sollte langsam der Alltag wieder Einzug halten. Zurück zum: Westen guttt - Russland schleeecht!

 Nur was tun? Einige Kollegen hatten versucht in die fehlende Präsenz Putins während der WM-Spiele irgendeine Schurkerei hineinzuphantasieren, andere hatten sich über die Verlängerung des Renteneitrittalters und die Mehrwertsteuererhöhung echauffiert - aber nichts wollte so richtig zünden. Die Menschen interessiert herzlich wenig womit der Russische Präsident seine Zeit verbringt während die halbe Welt vor der Glotze sitzt und Fußball guckt und über ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren bei den Männern und 63 Jahren bei Frauen kann man Hierzulande nur neidvoll lächeln. Arbeitet man hier doch bald bis zum siebenundsechzigsten Lebensjahr und die Meinungsmacher bereiten bereits eine Verlängerungder Lebensarbeitszeit bis zum erreichen des siebzigsten Lebensjahres vor. Und das alles bei einer wesentlich höheren Produktivität, heißt: Die Menschen hier schaffen während ihres Arbeitslebens wesentlich mehr Werte, die aber nicht ihnen zu Gute kommen, sondern in den weltweiten Casinos der Finanzjongleure versickern.

 Andreas Bock hat die Aufgabe übernommen uns nun wieder Russland zu zeigen, wie wir es von unseren Medien her kennen. Als Beispiel hat er sich das Fifa-Fanfest auf dem Campus der Lomonossow-Universität ausgesucht:
"Als die Musik einsetzt, massiert der Bass den Boden, der Beton vibriert, noch drei Kilometer entfernt, an der Metrostation Kiewskaja hört man die Beats, die an Ausschussware aus DJ Bobos Frühwerk erinnern."
Wir erkennen sofort, dass wir uns im ach so rückständigen Russland befinden. Die Musik ist "Ausschussware aus DJ Bobos Frühwerk". Allerdings ist Bock sich noch nicht ganz sicher, was den Sound betrifft. Während in einem Satz behauptet, dass der Bass den Boden "massiert" sodass "der Beton vibriert" und "noch drei Kilometer entfernt, an der Metrostation Kiewskaja hört man die Beats", verkehrt sich dieses Lärmspektakel im nächsten Satz in sein direktes Gegenteil um:
"Der Sound ist blechern. Es klingt, als versuche jemand, die Tonsignale durch ein überdimensionales Dosentelefon zu verstärken."
 So ist das, wenn man es zu gut meint. Bock möchte seinen Brötchengeber gefallen und das Public Viewing in Moskau so richtig schön verreissen und verheddert sich dabei in seinen eigenen Fallstricken. Aber wie in der Mathematik zeitigt auch hier eine doppelte Verneinung ein positives Ergebnis - in diesem Fall für die aufmerksame Leserschaft, die zu der Erkenntnis kommt, dass Bock in einem als Bericht getarntem Meinungsbeitrag nichts weiteres im Sinn hat, als sie, die Leserschaft zu vergackeiern.

 Wenn die Musik schon so über alle Massen schlecht ist, sollte auch das Publikum ausschliesslich aus dämlichen, oberfläcchlichen Ignoranten bestehen:
"Ein Top-DJ aus Russland sei der Mann auf der Bühne, sagt ein Fan im Trikot der Sbornaja. Einer, der richtig Stimmung macht. Ach ja, später zeigen sie noch das Eröffnungsspiel Russland gegen diese Mannschaft aus Arabien. Saudi-Arabien? Genau! Kannst du ein Foto von uns machen?"
 Da kann der westeuropäische Edelfußballfan natürlich nur seine Nase rümpfen:
"Fifa-Fanfeste sind im Grunde wie RTL2. Übertrieben laut, übertrieben grell, übertrieben krawallig. Eigentlich ist das alles kein Problem, man muss ja nicht einschalten, und man muss auch nicht hingehen."
 Angesichts des obigen Geschwurbels kommt allerdings der Verdacht auf, dass Bock selbst ein-, bis zweimal zuviel an Lieschen Mohns Prollkanal geschnuppert hat. Vieles deutet darauf hin, dass der Mann nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, als er den Text verfasst hat. So sind die blechern klingenden, wie einem Dosentelefon entstammenden aber auch widerum den Boden massierenden Bässe, nicht das einzige Paradoxon in Bocks Beitrag. So berichtet er von einem gewissen Alexander Bikow.
"Er ist Kopf einer Initiative, die gegen das Fifa-Fanfest protestiert."
 Ein schöner Protest. In Russland ist jeder Protest ein schöner Protest und eine gewaltige Demonstration gegen das System Putin, gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit, die "Annexion" der Krim, die versteckte militärische Einmischung in der Ukraine, die Manipulation bei den US-Präsidentschaftswahlen, die Bombardements in Syrien, den Giftmordversuch an den Skripals in London und in diesem Fall eben auch gegen die Lärmbelästigung durch das Fifa-Fanfest.

 Und nun beginnt das paradoxe oder sollte man sagen schizophrene:
"Bloß was passiert, wenn der lärmende Partymob plötzlich vor der eigenen Tür steht? Alexander Bikow hat es erlebt."
Bikow, so behauptet Bock, leidet persönlich unter der Lärmbelästigung durch das Fifa-Fanfest, dass  erwiesenermassen"...übertrieben laut, übertrieben grell, übertrieben krawallig" ist. Dazu, um es einmal haarklein auseinander zu dröseln, müsste er (vor der eigenen Tür) auf dem Campus leben und arbeiten. Der 25 Jahre alte Bikow aber, so läßt uns Bock wissen,
"....hat Simulationswissenschaft und Angewandte Mathematik studiert. Im vergangenen Jahr hat er seinen Abschluss gemacht".
Weiter unten im Text heisst es dann sogar:
"Bikow traut sich an die Presse, weil er mittlerweile in Amsterdam lebt."
Das Paradoxe oder Schizophrene ist, dass Bikow also Betroffener ist, weil das Fanfest auf dem Campus der Lomonossow-Universität  in Moskau und anscheinend leichzeitig "vor der eigenen Tür" des Herrn Bikow stattfindet, der aber in Amsterdam lebt. - Versteh einer diese Russen!

 Wie dem auch sei, Bikows gespaltene Persönlichkeit, oder vielleicht ist es auch nur die fiebernde Phantasie, des mit einem Aluhelm bewehrten Raum und Zeit überwindenden Andreas Bock vom Tagesspiegel, erweckt ein bisher im verborgenen ruhendes Helfersyndrom:
"Für Bikow war direkt klar: Er wird, auch wenn er nicht mehr eingeschrieben ist, seine ehemaligen Kommilitonen nicht im Stich lassen."
 Bikow warf alles hin, ließ Amsterdam Amsterdam sein und machte sich auf den beschwerlichen, nicht ganz billigen Weg nach Moskau um den Studenten bei ihrem Protest gegen die Lärmbelästigung zu helfen:
"Sie sammelten Unterschriften, gingen an die Presse, organisierten Demos und machten über Social Media auf ihr Anliegen aufmerksam. Wenige Wochen vor der WM formten sie vor dem Hauptgebäude eine 400 Meter lange Menschenkette."
Kennt jemand ein schöneres Beispiel für Hifsbereitschaft und Edelmut?
"Aber",
wen wunderts, schliesllich befinden wir uns in der Hauptstadt von Putins Reich der Unterdrückung der unterdrückten Meinungsfreiheit, der Menschenrechte und der skrupellosen Machtentfaltung nur eines Mannes,
"es war alles ohne Erfolg."
Schiere Verzweiflung bricht sich Bahn, spricht aus den Worten des Autors:
"Bis heute."
 Verzweiflung ja, - aber Resignation? Niemals:
"Trotzdem oder gerade deswegen ist es wichtig, diese Geschichte nicht zu vergessen, denn sie erzählt viel über die Ignoranz der Fifa, aber noch mehr darüber, wie in Russland mit Protest umgegangen wird."
Dabei, das vergißt die Welt so gern, kann Public Viewing, Achtung RTL 2 Konsumenten, umschalten, jetzt kommt ein kurzer Spot Bildungsfernsehen:
"- ein Neologismus, das im Englischen eher die öffentliche Präsentation einer Sache meint -"
so schön sein, wenn nicht ausgerrechnet der Russe seine Finger im Spiel hat. Bock präsentiert uns sein vulminantes Wissen einer oft sträflich behandelten Sparte der Geschichtswissenschaften:
"Schon während der WM 1954 versammelten sich Menschen vor Schaufenstern von Elektrofachgeschäften, in denen die Inhaber die Ausstellungsfernseher angestellt hatten. Später wechselten sie in die großen Kaufhäuser. 1986 zeigten etwa etliche Filialen von Hertie die Spiele in ihren Sportabteilungen, samt Mexiko-Dekoration."
Ist es nicht herzallerliebst, dieses Bild, wie die deutschen Herrenmenschen, just aus einem Krieg heimgekehrt, in dem es ihnen fast gelungen wäre, die halbe Welt mit deutschem Geist, deutscher Gründlichkeit und deutscher Mordlust zu beglücken, (die andere Hälfte hätten sie, Gott-sei-Dank, auch nur fast, umgebracht) und nun voll und ganz damit beschäftigt wieder wer zu sein, sich ganz friedlich die Nasen an den Schaufenstern der Radio- und Fernsehgeschäfte plattdrücken, um dann eiligst nach Hause zu laufen, der Mutti das sauer Zusammengesparte aus der Kaffetasse im Küchenbuffet zu klauen, um selbst so eine Flimmerkiste zu erstehen?

Zwischen 1954 und 1986 lässt Bock eine 32 Jahre währende Lücke klaffen, um, auf die Wandlung des Zeitgeistes hinweisend "später wechselten sie in die großen Kaufhäuser", aus den damals noch zahlreichen Kaufhauskonzernen ausgerechnet die Hertie-Warenhäuser auszuwählen. Der Konzern, der 1986 schon stark ins schlingern geraten war, hat eine Geschichte, die typisch für Deutschland war. Bereits 1933 / 1934 von den Nazis mit Hilfe, unter anderem der Deutschen Bank, arisiert, wie man damals sagte, indem man den jüdischen Inhaber Hermann Tietz unter fadenscheinigen Gründen und mit einer mickrigen Abfindung aus dem Unternehmen drängte, übernahm nach und nach der ehemalige Leiter des Textileinkaufs Georg Karg das gesamte Unternehmen.

Nachdem dann das Unternehmen 1993 für 1,65 Milliarden DM an Karstadt verkauft worden war gelang es den Karg-Erben durch diverse Tricks die anfallende Erbschaftssteuer im Millionenbereich vor dem Fiskus zu retten. Das führte im Jahr 1999 zu einem Ermittlungsverfahren der Frankfurter Steuerfahnder, das später von der Politk niedergeschlagen wurde.

 Vielleicht hat Bock, weil die Konzerngeschichte eben eine typisch deutsche war, gerade die Hertie-Kaufhäuser ausgewählt um seine Geschichte des Public Viewing, von dem die Menschen, die daran teilnahmen noch gar nicht wussten, dass es sich bei ihrem tun um Public-Viewing handelte, weiterzuschreiben. Eine Geschichte, die mit einem Finale Furioso, mit dem "Sommermärchen" 2006 so glücklich endet:
"2006 erlebte es bei der WM in Deutschland vor allem in Berlin einen riesigen Hype. Es war die größte Fifa- Fanmeile aller Zeiten."
 Saufende, "Deutschland, Deutschland" gröhlende Menschen, riesige Lautsprechertürme, die die Fensterscheiben in halb Berlin erzittern lassen, eine Stadt im Ausnahmezustand, zugedeckt mit schwarz-rot-goldenen Fandevotionalien, ein Volk in nationaler Selbstbesoffenheit - aber: Weit und breit kein Russe.

 Und so war es wohl ein schönes Fest, ohne Nebenwirkungen. Von Bock wird nur bewundernd berichtet:
"Es war die größte Fifa- Fanmeile aller Zeiten."
Ganz anders 2018:
"In Russland finden offizielle Fifa-Fanfeste in jedem WM-Ort statt. Es sind Fifa-Wunderländer mit Fifa-Produkten und Fifa-Stimmung. Treffpunkte für Anhänger, die keine Karten für die Spiele bekommen haben, die aber trotzdem laut und exzessiv mit Zehntausenden zwischen Fressständen, Amüsierbuden und riesigen Leinwänden feiern wollen."
 Der aus Amsterdam zu dem einzigen Zweck eine Protestaktion zu organisieren, die die westlichen Medien als Protest gegen Putin verkaufen können, eingeflogene Alexander Bikow weiß was er seinen Unterstützer schuldig ist, fügt noch hinzu:
"Es macht bestimmt auch Spaß",
Bock rückt Bikows Engagement ins rechte Licht:
"Alexander Bikow ist keiner, der diese Art der Feierei ablehnt. Zumindest möchte er nicht verbittert klingen",
Aber, so Bikow:
"...es ist wirklich zu viel. Die Massen belasten ja nicht nur die Menschen und die Architektur, sondern auch die Umwelt. Einige Bäume wurden gefällt und Tiere gezwungen, die Gegend zu verlassen."
In Berlin, 2006, hat man die Tiere wahrscheinlich gefragt, ob es ihnen Recht ist, wenn man ihnen  mehrfach die Ohren zudröhnt und die schwarz-rot-gold eingefärbten Lieblinge haben unisono freudig zugestimmt.

Bock geht es um Randale. Er macht nicht einmal den Versuch seinen Leserinnen und Lesern das Für und Wider der Kontrahenten zu erklären. Er reduziert auf ein Nichtargument, auf ein beleidigtes:
"Wer waren schon die paar hundert Studenten gegen die 25 000 jubelnden Menschen, die ihre Hands in the air strecken wollten?"
 Die Studenten aber, so vermutet Bock werden es nicht leicht haben in ihrem ferneren Leben:
"Viele haben sogar Sorge, dass sie keinen Job mehr in Russland bekommen, weil sie als kritische Demonstranten gebrandmarkt sind."
 Der, von wem auch immer aus Amsterdam eingeflogene und zum Anführer des Protestes erkorene Alexander Bikow fügt dann in Erfüllung seines Auftrags noch Skandalträchtiges hinzu, ohne es allerdings zu belegen:
"Einmal (…) verschwanden über Nacht drei Demonstranten, niemand wusste wo sie waren. Irgendwann tauchten sie wieder auf, sie waren verhaftet worden."
Keine Ortsangaben, keine Zeitangaben, keine Angaben über die Behörde, die die angebliche Verhaftung durchführte - ein Geschichtchen, so wie man es nicht anders erwartet.

 Was jetzt noch fehlt in Bocks Propagandabeitrag ist der direkte Verweis auf Putin. Den liefert wiederum der Protestführer Bikow:
"Andere wurden zu Wiktor Sadownitschi zitiert, dem Uni-Rektor, der als Anhänger von Präsident Wladimir Putin gilt."
 So einfach machen es sich mittlerweile die Damen und Herren von der Presse: Einem Unidirektor wird angedichtet, dass er als Anhänger von Putin gilt und das reicht um ihn mit voller Namensnennung als Schurken zu diffamieren. Da braucht es keiner Belege oder gar Beweise.

Das letzte Wort gehört dann Alexander Bikow, der seine Aufgabe zu aller Zufriedenheit erfüllt hat und sich nun wieder Richtung Amsterdam absetzt:
"Putins Russland hat sich immer schon mehr um das Prestige in der Welt und weniger um die Bedürfnisse der Menschen gekümmert. Es gibt kein neues Russland. Nichts hat sich durch die WM verändert."
Ein Fazit, dem der Journalist Andreas Bock nichts hinzuzufügen hat, wenn er, und der Verdacht besteht nicht gabz zu unrecht, diese Worte seinem Protagonisten nicht selbst in den Mund gelegt hat.

Freitag, 6. Juli 2018

Der Spiegel ist in großer Sorge: "Was macht eigentlich Wladimir Putin?"

"Was macht eigentlich Wladimir Putin?"
So fragte Christina Hebel auf "Spiegel-online" am Montag, dem 02. Juli. Hätte die Frau, die nun schon etliche Zeit ihre Brötchen als Moskauer Korrespondentin des Spiegel verdient und noch immer nicht der russischen Sprache mächtig ist, weswegen ihr immer wieder Tatiana Sutkovaja zugeteilt wird. Hätte Hebel nur einmal bei ihrem Kollegen Ibrahim Naber von "Die Welt" nachgefragt, so hätte sie sicherlich eine umfassende Antwort erhalten.

 Schon in der Überschrift seines Artikels auf Welt.de gibt Naber Auskunft:
"Kurz vor dem Wunder rief Putin den Nationaltrainer an".
Immerhin schon mal ein Lebenszeichen. Denn Frau Hebel scheint sich ernste Sorgen um den Russischen Präsidenten zu machen:
"Einer fehlt - und das ausgerechnet bei diesem historischen Sieg: Wladimir Putin ist nicht im Luschniki-Stadion in Moskau, als die russische Mannschaft im Elfmeterschießen gegen den Favoriten Spanien gewinnt und ins Viertelfinale der WM einzieht."
 Die Sorge ist aus Sicht der Korrespondentin und wahrscheinlich der gesamten Spiegel-Redaktion überaus verständlich. Was soll Frau Hebel aus Moskau melden, womit soll der Spiegel seine Seiten füllen, wenn der Mann an dem sowohl das Blatt und auch die Reporterin sich immer wieder abarbeiten, plötzlich von der Bildfäche verschwinden würde? Existenzen stehen auf dem Spiel.

 Stellvertretend würde dann wohl jemand anderes herhalten müssen. In der Eile zieht Hebel, in Ermangelung eines vollwertigen Ersatzes, schnell den ehemaligen Sportminister Witalij Mutko aus dem Hut. Und weil dieser der breiten deutschen Öffentlichkeit noch nicht so recht als Schurke bekannt ist, klärt Hebel diese über die wahre Natur dieses Herren auf:
"In der Kabine gratulieren Premier Dmitrij Medwedew, sein Stellvertreter und Witalij Mutko den Spielern, ausgerechnet Mutko, der wegen des staatlich organisierten Dopingsystems als Sportminister zurücktreten musste."
 Es lief insgesamt nicht gut. Hatte man doch erwartet, dass Putin sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vor ein Mikrohon oder eine Kamera dräng, ähnlich wie viele westliche Politiker, allen voran die deutsche Bundeskanzlerin, die sich nicht entblödete mit ihrem PR-Tross mehrfach in die Kabine der Deutschen Nationalmannschaft einzudringen, um sich mit den halbnackten Fußballern fotografieren zu lassen.
Nach dem Viertelfinalspiel, der WM 2010 in Südafrika, dass die DFB-Auswahl mit 4:0 gewann, beim Handshake mit Arne Friedrich.
Screenshot rp-online.de
RP online zeigt eine ganze Reihe von Bildern und kommentiert diese im Ton feinster Hofberichterstattung:
"Nach dem 4:0 über Argentinien stattete Bundeskanzlerin Angela Merkel der deutschen Nationalmannschaft einen Besuch in der Kabine ab.Die Begrüßung mit dem Ex-Berliner Arne Friedrich fiel besonders herzlich aus. Nach dem Handschlag erhielt der Verteidiger als Belohnung für sein erstes Länderspiel einen Klaps auf die Schulter.Dennis Aogo durfte der Kanzlerin ebenfalls die Hand schütteln und Gratulationen zum Einzug ins Halbfinale entgegennehmen.Die Kanzlerin in der Kabine - das ist selbst für alte Hasen wie Michael Ballack und Jörg Butt (im Hintergrund) etwas Besonderes - da wird schnell das Handy gezückt, um diesen Moment für die Ewigkeit festzuhalten.Merkel hielt nach der Begrüßung der Spieler eine kurze Rede in der deutschen Kabine und gratulierte dem Team zur tollen Leistung im WM-Viertelfinale.Die Akteure um Kapitän Philipp Lahm bedankten sich artig und klatschten ihrerseits nach der Rede der Kanzlerin."
Qualifikation zur EM gegen die Türkei im Oktober 2010: "Merkel war am 8. Oktober nach dem Spiel im Berliner Olympiastadion zusammen mit Bundespräsident Christian Wulff, dessen Tochter, dem Fotografen und Seibert in die Kabine geeilt - ohne Delegationschef Zwanziger", berichtet Der Spiegel.
Screenshot Der Spiegel

Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert anlässlich des Kanzlerinnenbesuchs in der Kabine der DFB-Auswahl bei der WM 2014 in Brasilien nach dem ersten Gruppenspiel. Merkel war mit großem Tross eigens für dieses Foto nach Brasilien geflogen.
Screenshot Twitter.com
Das gleiche Foto brachte auch Der Spiegel und kommentierte:
"Am Sonntag ist Angela Merkel mit ein paar Kollegen aus dem Bundestag in den Regierungsflieger gestiegen. Die Kanzlerin hat einmal den Atlantik überquert, um in Brasilien mal kurz beim Eröffnungsspiel der Nationalmannschaft vorbeizuschauen. Nebenbei ist noch dieses hübsche Kabinenfoto herausgesprungen, das ihre Leute sogleich im Internet verbreiteten. Am Dienstagmorgen war Merkel wieder zurück in Berlin.Welch ein Trip."
Wer nun glaubt, der Text sei der reine Sarkasmus, der täuscht sich. Der Spiegel ist sich seiner Verantwortung als offizielles Regierungsamtsblatt durchaus bewußt und lobhudelt ein wenig. Das wird dem letzten Altliberalem spätestens dann klar, wenn das Blatt zur Erklärung ansetzt:
"Natürlich sind solche WM-Szenen immer auch Werbung in eigener Sache. Aber immerhin hat der Zuschauer eine Gelegenheit, die Politiker mal außerhalb ihrer herkömmlichen Umgebung zu beobachten. Nicht beim EU-Gipfel oder beim Truppenbesuch, sondern auf der Stadiontribüne oder in der Kabine. Für einen Moment bewegen sich Merkel und Co. in einer ihnen weitgehend unbekannten Sphäre. Die Regeln bestimmen mal andere."
Der Gipfel der geschmacklosen Anbiederung: Selfie mit Lukas Podolski während der Weltmeisterschaft 2014
Screenshot Instagram.com
Putin aber hielt sich dezent zurück, widerstand der Versuchung, sich, wie Merkel, der Lächerlichkeit preiszugeben und überließ die Öffentlichkeitsarbeit seinem Premier Medwedew.

 Es hatte schon nicht gut angefangen für den deutschen Mainstream. Am 14. Juni, Tage bevor die deutsche Mannschaft sich von Mexiko vorführen liess, berichtete der Spiegel von der Eröffnungsfeier in Moskau. Zuerst zeigte Robbie Williams, der die Eeröffnungsfeier mit einem Madley aus fünf seiner größten Hits einleitete seinen Kritikern, die ihm vorwarfen seine Seele an einen Diktator verkauft zu haben, den Stinkefinger zu den in sein Lied eingefügten Worten:
"I did this for free", 
dann hielt Putin, nicht die von allen erwartete lange, ausschweifende Rede, sondern begrüsste kurz und knapp die Gäste (nicht die Politiker) aus aller Welt, und dann gewann zu allem Überfluß auch noch die russische Mannschaft, deren Vorrundenaus bereits beschlossene Sache war, gegen Saudi-Arabien mit 5 : 0. Der Spiegel rang nach Worten:
"Kurz vor dem Anpfiff hatte dann auch noch der russische Präsident Wladimir Putin seinen großen Auftritt."
 Zwar ist es Usus bei dererlei Veranstaltungen, dass der Präsident des Gastgeberlandes die ausländischen Gäste begrüßt, aber anders wie bei den Fußballweltmeisterschaften in Deutschland, Südafrika oder Brasilien wo die Begrüßung der Gäste auch Begrüßung der Gäste genannt wurde, nannte man das Gleiche bei Putin"seinen großen Auftritt". Der Spiegel konnte eine einfache diplomatische Routine natürlich nicht einfach so stehen lassen und sonderte schnell noch etwas Propagandamüll ab:
"Er richtete einen Gruß an die Fans aus aller Welt. 'Unser Herz schlägt sehr hoch für diesen Sport. Wir sind ein offenes, gastfreundliches Land, in dem unsere Gäste viele Freunde finden werden', sagte Putin während seiner Rede - wie ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt die Rede empfand, der aus Angst vor Repressalien nicht nach Russland reist?" 
 Der Spiegel muss natürlich das harte Schicksal des begnadeten Selbstdarstellers Seppelt thematisieren. Seppelt ist Teil der Propaganda-Community der westliche Presse gegen Russland. Und er tut das ohne sich auch nur im Geringsten dafür zu schämen.

 Seppelt hatte, wohl wissend, dass er in Russland, wegen seiner vielen unbewiesenen Behauptungen im sogenannten Dopingskandal auf der Liste der unerwünschten Personen stand, ein Einreisevisum beantragt. Zweck und Hintergrund war natürlich die Kalkulation, dass die Russen das Visum nicht erteilen würden. So konnte man vortrefflich daraus einen weiteren Frontalangriff gegen Russland kreieren: "Putin läßt keine freie Berichterstattung zu, Dopingexperte wird Einreise verweigert....."

 Aber, just hatte man die Kampagne anlaufen lassen, zog die Regierung in Moskau die Reißleine und erlaubte Seppelt die Einreise, wies allerdings daraufhin, ihn als Zeugen in einem laufenden Strafverfahren gegen Grigorij  Rodschenkow, den in den USA untergetauchten Informanten des FBI, als Zeugen verhören zu wollen. Eine ganz normale Reaktion der russischen Justiz. Wenn man eines Zeugen, der sich standhaft weigert in einem Strafverfahren vor den Behörden auszusagen, habhaft werden kann, so muß der Zeuge damit rechnen zu einer Aussage geladen zu werden.

 Jetzt saß der Seppelt in der selbst gebauten Falle. Hatte er doch in einem im Mai ausgestrahlten Beitrag für die ARD-Sportschau behauptet, das FBI habe ihm ein Interview, mit dem in einem Zeugeschutzprogramm vor der Öffentlichkeit versteckten Rodschenkow, vor laufender Kamerea gestattet.

Rodschenkow? mit Selbstdarsteller Seppelt
Screenshot ARD
 Ob diese, als dümmlicher Bankräuber verkleidete Person nun wirklich Rodschenkow war oder nicht, das FBI, so viel ist bekannt, wird niemals einem Menschen, den es in  seine Machenschaft irgendwie Einblick gewährt, oder den es für Aktionen missbraucht hat gestattet, unbehelligt nach Russland zu reisen. Viel zu groß wäre die Gefahr, dass Seppelt während der sicherlich nicht mit Samthandschuhen geführten Vernehmung, Internas seines Interviews ausplaudern würde, schon allein um sich wichtig zu machen.

 Seppelt wußte, würde er nach Moskau reisen, würde er mit Sicherheit dort nicht lebend ankommen. Also erfand man die Mär von der Bedrohnug der Sicherheit Seppelts. Die war zwar gegeben und real, aber sie kam sicherlich nicht aus Russland.

 Die russische Mannschaft hatte dieweil nach einem weiteren Sieg (3 : 1 gegen Ägypten) und trotz einer krachenden Niederlage (3 : 0 gegen Uruguay) das Achtelfinale erreicht. Aber kein jubelnder und sich in der Öffentlichkeit produzierender Putin - nirgends. Der Spiegel war verzweifelt:
"Anders als viele dachten, nutzt der russische Präsident als Gastgeber der WM das Turnier bisher nicht für große Auftritte."
Frustriert zitiert das Blatt Putins Sprecher Dimitri Peskow:
"Der Präsident sei sehr beschäftigt."
Und ein wenig Unverständnis dafür, dass Putin der westlichen Mainstreampresse nicht einmal einen kleinen Gefallen tut und ein wenig Siegesgeheul anstimmt, schwingt mit, wenn die Stimmung in der Redaktion vollends umschlägt:
"Das war er bereits gegen Ägypten (3:1), da weilte er beim weißrussischen Autokraten Alexander Lukaschenko in Minsk. Und auch beim 0:3 gegen Uruguay war Putin nicht im Stadion. Amtsgeschäfte, hieß es."
Wenn er dem Spiegel nicht den Gefallen tut und sich, wie Merkel, vor aller Welt zum Vollhorst degradiert, dann thematisiert man eben, dass Russlands Präsident einen Besuch "beim weißrussischen Autokraten Alexander Lukaschenko in Minsk", einer Ehrerbietung seiner erfogreichen Mannschaft und der gesamten FIFA-WM vorzieht - ätschebätsche!

Aber man hat ja noch die gleichgeschaltete Regierungspresse:
"Die Presse überschlägt sich."
Der Spiegel hält es für angebracht einige der Pressestimmen zu zitieren. Warum weiß eigentlich keiner so recht. Ist es doch der gleiche Blödsinn wie überall auf der Welt, wenn die eigene Mannschafts gewonnen hat:
"'Hurrraaaa. Du bist der Kosmos, Stas' schreibt 'Sportexpress' über Trainer Stanislaw Tschertschessow. Die 'Komsomolskaja Prawda' titelt 'Fantastischer Sieg', 'Weiter so!' , 'Iswestija' und 'Kommersant' sind sicher: 'Wir schaffen das!'" 
 Der Spiegel will wohl seinen ständig wiederholten Vorwurf, die Russen lebten in einem nationalen Wahn, weshalb sie sich auch nicht den westlichen Errungenschaft öffneten und darauf beständen sich ihre Zukunft nicht aus den Redaktionsstuben des Mainstreams vorschreiben zu lassen, sondern darüber selbst zu bestimmen.

 Womit allerdings die eingangs gestellte Frage "Was macht eigentlich Wladimir Putin", noch immer nicht erschöpfend beantwortet wäre. Dabei hilft dann wieder der oben bereits erwähnte Ibrahim Naber von "Die Welt" weiter. Nach dem Sieg der Sbornaja im Elfmeterschiessen über Spanien und dem Einzug ins Viertelfinale vermutete Naber Übersinnliches. Putin, so Naber, habe magische, ihm direkt vom Satan verliehene Kräfte dazu genutzt unfair in den Wettbewerb zu Gunsten Russlands einzugreifen:
"Der Legende nach gab ein Mann die entscheidende Vorlage zum russischen Sieg, der am Sonntagabend überhaupt nicht auf dem Rasen stand: Wladimir Putin. Stunden vor dem Spiel soll der russische Präsident Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow angerufen haben. Botschaft laut Kreml-Sprecher Dmitri Peskow: „Putin meinte, dass ungeachtet des Ergebnisses niemand im Land sie verurteilen würde.“
Ziemlich doof die Russen - glauben solch einen Schwachsinn. Dabei werden sie von ihrem Maximo leader gerade wieder belogen und betrogen. Siege der Fußballer, so Hebel könne Putin aber auch dringend gebrauchen,
"denn die Beschlüsse, das Rentenalter und die Mehrwertsteuer anzuheben,"
könnten ansonsten schnell zu Unruhe im Volk führen.
"Zum einen soll die Mehrwertsteuer mit wenigen Ausnahmen von 18 auf 20 Prozent erhöht werden. Zum anderen soll das Renteneintrittsalter für Männer auf 65 Jahre (bisher 60) und für Frauen auf 63 Jahre (bisher 55) angehoben werden",
schreibt Ellen Ivits auf Stern.de. Dunkel erinnern wir uns, das eine Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen unter dem Jubel der versammelten veröffentlichten Meinung den Deutschen eine Rentenerhöhung auf 67 Jahre bescherte und die gleichen Sozialdemokraten, nunmehr Juniorpartner der CDU in einer Regierung unter Kanzlerin Merkel einer Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent zustimmten, obwohl sie vorher im Wahlkampf behauptet hatten, eine Mehrwertsteuererhöhung sei mit ihnen nicht machbar.

Wahlplakat der SPD im Bundestagswahlkampf 2005
Screenshot SPD
Im Gegensatz zur SPD, die einfach dummdreist ihre Wähler betrogen hat und nicht weiter darüber redet, ist Putin ein verschlagener Fuchs:
"Die bösen Nachrichten erreichten die russische Bevölkerung, als ihre Nationalmannschaft gerade das erste Spiel dieser WM gegen Saudi-Arabien bestritt. Während Wladimir Putin wohlweislich das Spiel im Moskauer Luschniki-Stadion verfolgte, trat sein Premierminister Dmitri Medwedew vor die Kameras und hoffte wohl, keiner würde ihm zuhören."
 Aber nicht nur, dass Putin Medwedew das Überbringen der schlechten Nachrichten überließ. Der Stern zumindest vermutet eine schwere Krise in der russischen Führung. Angst, so hat Ellen Ivits, bei ihren sicher häufigen Besuchen hinter den dicken Kremlmauern herausfinden könnenläßt Putin die Öffentlichkeit meiden.
"Dass der Kreml Angst vor dem Zorn des eigenen Volkes hat, zeigt nicht nur der Termin der Verkündigung der Rentenerhöhung, sondern auch Putins Verhalten in den letzten Wochen."
 Und so kommt der Stern zu einer ganz anderen Antwort als Die Welt und Ibrahim Naber auf die Frage des Spiegels: "Was macht eigentlich Wladimir Putin?" Während Naber der Meinung ist, Putin sei während der Fußball-Weltmeisterschaft Tag ein und Tag aus vollends damit beschäftigt mit seinen magischen Kräften die Ergebnisse der Spiele nach allen Kräften zu manipulieren, sieht Ivits den Kremlherrn sich vor Angst schlotternd in den geheimen Gewölben des Kreml vor seinem eigenen Volk verbergen:
"Der Kreml-Chef vermeidet alles, nur um nicht mit der Rentenreform in Zusammenhang gebracht zu werden. Seit dem Auftaktspiel der WM meidet er die Öffentlichkeit, erschien weder zu dem Spiel der russischen Sbornja gegen Uruguay noch zu dem gegen Spanien."
 Das widerum mag Christina Hebel vom Spiegel nicht so recht glauben. Sind doch die Russen viel zu blöde um zu bemerken, das Putin ihnen die letzten Rubelchen aus der ohnehin nur schlaff gefüllten Tasche zieht:
"Die meisten Russen feiern lieber ihren Fußballsommer. Überall im Land sind nun russische Fahnen zu sehen."
Aber, leider, leider - icht einmal das Feiern bekommen sie hin, ohne Hilfe aus dem Westen:
"Bei Fans aus anderen Ländern hat man sich abgeschaut, wie man den weiß-blau-roten Erfolg feiert, malt sich die Nationalfarben ins Gesicht, trötet in Vuvuzelas, bittet brasilianische und mexikanische Fans mit aufs Selfie. (...)Die Fangesänge sind im Vergleich mit den südamerikanischen oder afrikanischen Fußballgästen noch ausbaufähig, aber immerhin singen sie nun auf den Straßen den Klassiker 'Katjuscha'". 
 Am Ende haben wir also wieder alles schön zusammenbekommen: Der Satan Putin, die doofen Russen, der Betrüger Mutko, und die verschlagenen Slawen, die immer wieder eine Gelegenheit finden die aufrechten Recken des Westens übers Ohr zu hauen. Hebel, Naber und Ivits - und natürlich  auch wir, die immer und immer wieder sich von unseren Meinungsmachern hinters Licht führen lassen, die solchen Schwachsinn auch noch mutieren, indem wir für unser sauer verdientes Geld, die mit Werbung über und über zugepflasterten Blätter am Kiosk kaufen, können sich zurücklehnen und wegdämmern.