Freitag, 24. März 2017

Syrienberichterstattung am Beispiel von "Die Zeit": Wenn zwei das gleiche tun....


 Im Norden Syriens, in der Stadt Al-Mansura sind am Dienstagmorgen 33 Menschen gestorben. Sie waren Flüchtlinge aus der Stadt Rakka und hatten sich in einer Schule der Stadt vor den Kämpfen um Rakka in Sicherheit gebracht. Der Tod kam aus der Luft. Bomber der Anti-IS-Koalition haben das Gebäude in Schutt und Asche gelegt. Unter den Opfern waren viele Frauen und Kinder. „Die Zeit“ meldete den Vorfall in einer Kurzmeldung auf ihrem Internet Account. Ganze 79 Worte war dem Blatt die Meldung wert. Die Stadt Al-Mansura befindet sich ebenso wie Rakka unter der Herrschaft des IS.

 Wesentlich interessanter erscheint der Zeit an diesem Tag ein Vorfall aus dem Jahr 2005. Im fernen Washington erhitzt die Meldung, das der ehemalige Wahlkampfleiter für Donald Trump, Paul Manafort, vor 12 Jahren für einen russischen Oligarchen gearbeitet haben soll die Gemüter. 561 Worte plus 17 Worte Bildunterschrift ist der Artikel auf „Zeit online“ den Machern des Blattes wert.

 Am 26. Oktober 2016 wurde in der Provinz Idlib, ebenfalls im Norden Syriens, eine Schule aus der Luft bombardiert. 35 Menschen kamen ums Leben, darunter 22 Kinder. Verantwortlich für den Angriff soll die russische Luftwaffe gewesen sein. „Die Zeit“ meldete den Vorfall am 27. Oktober auf „Zeit online“ in einer Meldung. Die Meldung war über dreimal so lang wie die über die bombardierte Schule in Al-Mansura. 259 Worte war die Meldung lang, plus einer Bildunterschrift, die 29 Worte umfasste. Auf ein Bild der zerstörten Schule in Al-Mansura wurde von der Zeit gänzlich verzichtet.

 Am gleichen Tag berichtete „Die Zeit“ ebenfalls auf „Zeit online“ in einem weiteren Artikel über den Angriff auf die Schule. Dieser Artikel war nochmals 512 Worte lang. Wir ziehen Bilanz: 33 Opfer der Anti-IS-Allianz sind der „Zeit“ 79 Worte wert. Wesentlich mehr, um genau zu sein, das Zehnfache, zählen dem Wochenblatt die Leiden der Menschen, die vermutlich einem russischen Angriff zum Opfer gefallen sind.

  Schon an diesem kleinen Vergleich ist abzusehen, wie selektiv die Sichtweise unserer Journalisten ist. Zwar werden hier nur die Meldungen der Wochenzeitung „“Die Zeit“ thematisiert, ein Vergleich anderer Blätter, wie „Der Spiegel, „Die Welt“, „FAZ“, „Tagesspiegel“ oder bei „ARD“ und „ZDF“ ergeben aber in etwa das gleiche Bild.

 Aber nicht nur die Quantität, der einfache Vergleich der Anzahl der Worte, die auf die Meldungen verwendet wurden, spricht eine deutliche Sprache über die manipulative Berichterstattung unserer Medien – auch die Qualität die Sprache zeigt deutlich, dass die Mainstream-Medien ihre Aufgabe nicht in der Information ihrer Rezipienten sehen, sondern ihr Anliegen eher die Agitation und die Manipulation der Menschen ist.

 Zum Vergleich sollen hier noch einmal die Artikel der Zeit dienen. In der Nachricht über die Bombardierung der Schule in Al-Mansura von Mittwoch dem 22. März ist die Sprache kurz, knapp und sachlich. Der erste Satz lautet:
Bei einem Luftangriff der US-geführten Koalition auf eine als Flüchtlingsunterkunft genutzte Schule im Norden Syriens sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 33 Menschen getötet worden.“
In der Meldung aus dem Oktober letzten Jahres heisst es hingegen schon in der Überschrift:
22 Kinder bei Luftangriffen auf Schule getötet“
 Schon hier nimmt das Blatt eine Wertung vor. Von den 35 Opfern insgesamt, ist nicht die Rede. Prominent erwähnt werden lediglich die 22 Kinder, weil natürlich der Empörungsgrad bei Opfern, die noch Kinder sind, ungleich höher ist, als bei den 13 Erwachsenen Opfern, die allerdings genauso mausetot sind wie die Kinder.

  Im Artikel selbst hält man sich erst gar nicht mit der reinen Darstellung der Fakten auf:
Unicef spricht vom wohl schwersten Angriff gegen Kinder während des Syrien-Krieges. Die russische Luftwaffe wird beschuldigt, an dem Verbrechen beteiligt zu sein.“
Gleich der erste Satz ist eine Wertung.“Vom wohl schwersten Angriff gegen Kinder“ ist die Rede und diese Wertung gibt nicht die Zeitung selbst ab, sondern sie kommt von einer in den Augen der meisten Menschen, neutralen, unangreifbaren Institution, von Unicef. Damit aber nicht genug der Vorverurteilung. „Die Zeit“ lässt ein wörtliches Zitat des Generaldirektors des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Anthony Lake folgen. Die Schule sei
„wiederholt angegriffen worden. Es ist eine Tragödie, es ist eine Schande.“
lässt „Die Zeit“ den heiligen Mann sagen. Das der allerdings, wie alle heiligen Männer, absolut ahnungslos ist, von den näheren Umständen des Angriffs nichts weiss und schon gar nicht die Schuldfrage beantworten kann, versteckt „Die Zeit“ in einem, lediglich eine von vielen Möglichkeiten als These äussernden, Halbsatz:
Sollte der Angriff vorsätzlich ausgeführt worden sein“.
Von der „Zeit“ vermutlich nur zitiert, weil der zweite Halbsatz
wäre er ein Kriegsverbrechen“,
so schön in die Argumentation passt, und in der Klarheit und Bestimmtheit seiner Aussage, „ein Kriegsverbrechen“, den ersten Satzteil schnell vergessen macht.

  Als Meinungsmedium mag „Die Zeit“ natürlich die zu ziehenden Schlussfolgerungen nicht seiner Leserschaft überlassen. Fehlinterpretationen wäre dadurch Tür und Tor geöffnet. Daher ruft das Blatt lieber selbst zu den Waffen:
Der Vorfall müsse die internationale Gemeinschaft aufrütteln. Es reiche nicht aus, Abscheu angesichts solcher 'barbarischer Taten' zu zeigen, sagte er. Die Welt müsse darauf bestehen, dass diese aufhörten“,
lässt das Blatt noch einmal den Generaldirektor des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Anthony Lake verlautbaren. Dabei sind die Macher der Wochenzeitung merkwürdig zurückhaltend. Lake wird nur in indirekter Rede zitiert ausser mit zwei Worten. „Barbarischer Taten“ darf er in wörtlich zitierter Rede die „russische Luftwaffe“ beschuldigen.

  Die Toten von Al-Masura sind allerdings nicht die einzigen Opfer der Allianz gegen den IS in den letzten Wochen. Am 16. März wurde in AL-Dschineh, 30 Kilometer westlich von Aleppo eine Moschee aus der Luft zerstört. 42 Todesopfer und über 100 Verletzte wurden gezählt.

In einem Artikel vom 17 März:
weigert sich „Die Zeit“ schlicht und einfach die Verantwortlichkeit zu benennen. Dummdreist heisst es:
„Wer den Angriff ausgeführt hat, ist unklar.“
Anschliessend packt das Blatt den ganz grossen Nebelwerfer aus und erlaubt so den wahren Schuldigen sich aus der Verantwortung zu stehlen. Aber das Blatt vernebelt nicht nur die Tatsachen, es legt gleichzeitig auch reichlich falsche Fährten:
Die Streitkräfte von Präsident Baschar al-Assad und dessen Verbündeter Russland haben in der Region zahlreiche Luftangriffe gegen Aufständische geflogen.
...Der Luftangriff auf die Moschee ereignete sich nur einen Tag nach einem Selbstmordattentat in der syrischen Hauptstadt Damaskus, bei dem mindestens 30 Menschen ums Leben kamen.“
Ganz offensichtlich will man die Verantwortung der syrischen und russischen Luftwaffe in die Schuhe schieben. Denn die US-Streitkräfte hatten in der Zeit anderes zu tun. Sie kümmerten sich derweil um die Terroristen:
Unabhängig davon (dem Angriff auf die Moschee) meldete das Streitkräftezentralkommando der Vereinigten Staaten in Florida, dass sie bei einem Luftangriff in der nahe gelegenen Stadt Idlib mehrere Al-Qaida-Kräfte getötet hätten. 'Idlib war in den vergangenen Jahren ein wichtiger Rückzugsort für Al-Qaida', hieß es in einem Statement des für den Nahen Osten zuständigen Regionalkommandos der Streitkräfte.“
Einen Tag später dann muss „Die Zeit“ aber dann doch, mit von Tränen erstickter Stimme melden:
Ausgesprochen wortkarg vermeldet das Blatt, dass die US-Streitkräfte die Verantwortung für den Luftangriff auf die Moschee übernommen hätten. Aber natürlich habe man
„das Gotteshaus nicht gezielt angegriffen“.
Absicht wird generell nur Syrien und Russland unterstellt, denn niemand bei der Zeit kann sich auch nur annähernd vorstellen, dass die Herren von Guantanamo, die Folterer von Abu Graib und die Auslöscher ganzer Hochzeitsgesellschaften mittels Drohnen, gesteuert von deutschem Boden aus, jemals dazu fähig wären, sich gegen die Gesetze des Kriegsrechts zu vergehen.
75 Worte lang war die Meldung. Dagegen hatte der Bericht vom Vortag, als man noch nicht genau wusste, wer die Moschee in Schutt und Asche verwandelt hatte, 334 Worte lang, gespickt von bösen Unterstellungen und Verdächtigungen gegen Syrien und Russland. 

Das ist der Wasserstand in Sachen deutschen Qualitätsjournalismus' im Jahre des Herrn 2017.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die aufwendige Recherche und Arbeit!!

    Ein stiller Leser seit langem...

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  2. Auch von mir vielen Dank für die detailreiche Recherche! Den großen Rahmen, der sich darüber spannt, erklärt ausführlich Prof. Rainer Mausfeld in seinem Vortrag:
    Die Angst der Machteliten vor dem Volk
    https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack

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  3. Recherche, welche dt. "Qualitätsmedien" nicht liefern können/wollen/dürfen

    Zuerst: Hut ab vor dieser Recherche. Es ist schon ein Markenzeichen im dt. Journalismus, daß dieser nicht zu dieser Form der Berichterstattung fähig ist - oder so berichten darf. Hier wird in einem Inernetblog ein bedeutender Teil der "Mainstreammedien", sprich die `Zeit´, intensiv untersucht und analysiert.

    Kurzform zur `Zeit`: keinerlei Glaubwürdigkeit, lückenhafte (mehr lochartige) Berichterstattung, Hetze u. Propaganda. Und als Sahnehäubchen noch Fake-News, um die unschuldigen Opfer von Bombardements der syrischen bzw. russischen Luftwaffe anzulasten.

    Ich persönlich empfehle den Begriff "Qualitätsmedien/Qualitätspresse" als Unwort 2017 zu wählen.

    Wenn wir nicht das Internet u. Blogs wie diesen hätten, dann dürften wir den propagandistischen Rattenfängern wie ARD/ZDF/Deutschlandfunk/FAZ/SZ/Welt/Spiegel und der dergleichen immer schön auf den medialen postfaktischen Leim gehen.

    Passend dazu der Artikel der Zeit vom 27.03.2017 zu den Demonstratitionen in Russland (Artikel: Die Jungen haben keine Angst). Aktueller denn je hier ein auf die dt. Medienlandschaft 1 zu 1 ummünzbares Zitat:
    "Viele junge Leute schauen bewusst kein Fernsehen mehr und lesen auch keine staatlichen Zeitun- gen. Sie informieren sich im Internet. Möglich, dass das auch die Regierung weiß und die relative Freiheit des Internet weiter einschränken wird."

    Da kann der Maas jetzt richtig loslassen und wenn Merkel samt Anhang u. die Speerspitzen der dt. Geheimdienste weiterhin unbewiesene russ. Eingriffe in die dt. Politik behaupten, dann sollte es der dt. Politik mit der Kohortenunterstützung aus den "Mainstreammedien" ein leichtes sein, darzulegen, daß Soziale Medien u. das Internet zur Beinflussung benutzt werden.

    Deutschland hat zwei Phasen der Demagogie hinter sich:
    -die DDR-Propaganda, hier ist noch der `Schwarze Kanal` als Markenzeichen festzumachen. Allerdings war im Zuge der Hetze u. Kriegstreiberei nicht viel herausgekommen
    -die Zeit des Nationalsozialismus: hier wurde durch Propaganda eine Kriegsstimmung - und Begeisterung hervorgerufen, die Folgen sind bekannt.

    Es ist erschreckend, unentschuldbar und nicht nachvollziehbar, daß Politik u. Presse im Gleichschritt sich als Hetzer gegen Russland aufspielen. Ich persönlich will nicht an deren Kriegsgelüsten und -spielen teilnehmen (hier habe ich wenigstens eines gemeinsam mit der Kriegseinpeitscherin vdLeyen: diese wird ihre Kinder nicht auf irgendwelchen Schlachtfeldern opfern).

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    1. @ Flaneur:

      Die Phase des "Kalten Krieges" hast du da aber offenkundig vergessen. Die war im Westen nicht weniger von Demagogie bestimmt als die nämliche in der DDR. Der erwähnte "Schwarze Kanal" etwa hatte in der BRD ein Spiegelbild namens "ZDF-Magazin". Auch dort wurde gegen den anderen deutschen Staat gehetzt unter Verwendung von TV-Ausschnitten dessen. Der westdeutsche Karl Eduard hieß Gerhard Löwenthal. Sein "journalistisches" Rüstzeug erhielt er beim CIA-Propagandasender RIAS. Und Löwenthal war in den westdeutschen Medien kein Einzelfall.

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