Donnerstag, 16. Mai 2019

Journalismus, der nur noch Brechreiz hervorruft: Xenia Böttcher, ARD - Cristoph Röckerath, ZDF

Ich bin erstaunt. Das ARD-Morgenmagazin bringt am 15. Mai in Dauerschleife, je einmal in der Stunde, eine Reportage von Xenia Böttcher über das Elend und die Not unter den ärmsten der Armen in Venezuela.

 Schon zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Christoph Röckerath für das ZDF-Mittagsmagazin sich ebenfalls in die Niederungen des venezulanischen Prekariats begeben, und in einem 4 minütigen Beitrag, unser Mitleid erheischend, über die armen Menschen aus den venezolanischen barrios zu berichtet.

Zwei Berichte in zwei Tagen aus den öffentlichenlich-rechtlichen Sendeanstalten, bei denen sich die Korrespondenten um die ärmsten der Armen kümmern. Wann hat es das jemals gegeben? Wann sind Böttcher oder Röckerath in den Favelas in Rio, Bogota oder Medellin gesehen worden? Wann haben sie jemals von den 7,3 Millionen Binnenflüchtlige in Kolumbien berichtet, wann von den Straßenkindern in Bogota oder Sao Paulo?

 Ich kann mich nicht erinnern.

Aber warum sollten sie das auch tun? Geht es ihnen doch nur ganz am Rande um die Menschen, über deren Schicksal sie so hingebungsvoll berichten. Sie wollen uns Elend zeigen um Stimmung zu machen. Stimmung gegen die Chavisten in Venezuela, die angeblich ihr Land aushungern, die ihrer Bevölkerung die dringend benötigten Arzneimittel vorenthalten.

 Wann die Reportagen entstanden sind, bleiben uns Böttcher und Röckerath schuldig. Eine gewisse Authensität versuchen sie dadurch zu vermitteln, indem sie die Namen ihrer Gesprächspartner einblenden. Ein Trick. Wie soll ich von hier aus die Identität prüfen? Woher soll ich wissen, dass die Aussagen nicht gekauft sind, abgesprochen? Sind beide Reporter bisher doch nicht durch besonders objektive Berichterstattung aufgefallen.

Am 4. Februar berichtete Böttcher über eine Demonstration für Präsident Maduro:
" ...Gestern zeigt das Staatsfernsehen Bilder, die glauben lassen, der zentrale Boulevard sei überfüllt mit Maduro-Unterstützern. Doch Videos der Anwohner und Augenzeugen zeichnen ein anderes Bild. Und gekommen sind vor allem Staatsbedienstete, die Linken und andere, die die Staatsregierung herbeibeordert hatte....Es heißt, 80 Prozent der Venezolaner wollen den Regierungswechsel, mit internationaler Unterstützung, aber ohne eine Intervention der USA ..."
Woher weiß die Frau das so genau? "gekommen sind vor allem Staatsbedienstete, die Linken und andere, die die Staatsregierung herbeibeordert hatte?"
Wie erkennt man im einige taused Kilometer entfernten Mexiko City, in dem Böttcher ihr bequemes, sicher vollklimatisiertes Studio hat, "Staatsbedienstete, (...) Linke und andere" und woran sieht man, dass sie "herbeordert" sind, und nicht doch etwa aus freien Stücken und innerer Überzeugung gekommen sind?

 Gar nicht! Genauso wenig wie man irgendwelche Erkenntnisse darüber hat, dass "80 Prozent der Venezolaner" den "Regierungswechsel" wollen und zwar "mit internationaler Unterstützung"? Weshalb man die frei erfundenen Behauptungen gerichtsfest mit einem vorangestellten "es heißt", in das Land der Märchen und Sagen befördert.

Und Röckerath? Der leugnet ganz einfach, dass es Sanktionen gegen das Volk von Venezuela überhaupt gegeben hat oder gibt.

Screenshot Twitter
 Sein Tweet vom 13. Mai hat schon etwas vulgär beleidigendes. Zum einen leugnet er ganz einfach die  Existenz lebensbedrohlicher Sanktionen der USA gegen das Volk von Venezuela, trotz diverser, höchst unverdächtiger Gegenstimmen. So schreibt Francisco Rodríguez, Chefökonom von Torino Capital mit Sitz in New York und Mitglied des Teams um den Oppositionellen Henri Falcon als Policy Chief während der Präsidentschaftwahlkampagne 2018:
"Befürworter von Sanktionen gegen Venezuela behaupten, diese zielen auf das Maduro-Regime ab, betreffen aber nicht das venezolanische Volk. Da das Sanktionssystem mit der Verschlechterung der Exportkapazität des Landes und dem daraus folgenden Import- und Wachstumseinbruch in Zusammenhang steht, ist diese Behauptung eindeutig falsch".
Und der Sonderberichterstatter über die negativen Auswirkungen einseitiger Zwangsmaßnahmen des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen", Idriss Jazairy, am 31 Januar 2019:
"Venezuelas Sanktionen verletzen die Menschenrechte unschuldiger Menschen (...) Wirtschaftssanktionen verschärfen effektiv die schwere Krise der venezolanischen Wirtschaft und tragen zu den Schäden bei, die durch die Hyperinflation und den Rückgang der Ölpreise verursacht werden. Dies ist eine Zeit, in der das Mitgefühl für die langleidenden Menschen Venezuelas zum Ausdruck gebracht werden sollte, indem der Zugang zu Nahrungsmitteln und Medikamenten gefördert und nicht eingeschränkt wird".
Zweitens handelt es sich bei den Eliten, deren unmoralischen Reichtum Röckerath zeigt, wohl eher um das Klientel  Guaidinos, der Handpuppe Donald Trumps. Diese Leute haben ihre Millionen und Millarden Dollar-Vermögen längst vor den Habenichtsen  und Hungerleidern in Venezuela im US-amerikanischen Miami in Sicherheit gebracht.

 Böttcher und Röckerath und somit der ARD und dem ZDF scheint jedes Mittel der Propaganda, bis hin zu wissentlichen Falschaussagen recht zu sein, wenn es darum geht, das Unrecht der westlichen Regierungen, darunter an führender Stelle die Merkelregierung mir ihrem Aussenminister Maas, in Recht zu verwandeln.

 Ein Journalismus, der nur noch Abscheu und Ekel hervorruft. So zerrt Böttcher einen bis auf die Knochen abgemagerten jungen Mann, den sie Miguel nennt, vor die Kamera. Der junge Mann liegt, nur mit einer Windel und weißen Socken bekleidet auf einem Bett. Böttcher kommentiert:
"Unterernährung ist mittlerweile allgegenwärtig. Der Anblick von Miguel ist für mich schwer zu ertragen. Als wäre die Behinderung nicht schon Bürde genug".
Böttcher spricht nicht etwa von "einer" sondern von "der Behinderung", ohne sie aber konkret zu benennen. Wir wissen also nicht, und es steht zu befürchten, dass wir es auch nicht wissen sollen, welche Behinderung hier vorliegt und ob diese nicht etwa mit dem extrem schlechten Zustand des jungen Mannes ursächlich in Beziehung steht. Haben wir doch im Laufe des Beitrages bei keiner oder keinem der vorgeführten Menschen eine derart schwere Abmagerung sehen können.

Die Kamera weidet sich 6 endlos lange, quälende Skunden an dem Anblick des ausgemergelten Körpers des offensichtlich Todkranken. Fährt in Großaufnahme, beginnend mit dem Oberkörper mit den herausstechenden, deutlich sichtbaren Rippen, hinunter über den eingefallenen Bauch, über die Windel, über die total abgemagerten Beine an denen weder Oberschenkel- noch Wadenmuskel zu erkennen sind bis hinunter auf die, in weißen Tennissocken steckenden Füsse.

 Nachdem Böttcher die in Tränen aufgelöste Mutter gezeigt hat, die im Film Eva heißt kommt sie zu ihrem eigentlichen Anliegen:
"Ich muss mich wieder und wieder daran erinnern, dass wir im einst reichsten Land Lateinamerikas sind."
Propaganda, billigste Propaganda, die uns Glauben machen soll, Maduro und seine Regierung seien einzig und allein Schuld an dem Unglück dieses jungen Mannes. An keiner Stelle des unsäglichen Filmchens, lässt Böttcher auch nur den Gedanken aufkommen, sie sei an einer ehrlichen Analyse interessiert. Sie sieht, und sie will, dass auch wir das tun, eindimensional und unzulässig, extrem verflachend auf die Krise in Venezuela.

 Dabei läßt sie jegliche journalistische Ethik ausser Betracht. Wenn sie zum Beispiel die junge Nereilis Nova vorführt. Die junge Frau im Teenageralter ist Mutter eines kleinen Jungen. Ist dieser zu Anfang des Inerviews mit der Mutter noch bekleidet, so hat man ihn im Laufe des Gesprächs seiner Kleidung beraubt, wahrscheinlich auf Verlangen des Kamerateams aus Aleman, dass seinem Publikum ein wenig Elend in Reinkultur zeigen will. Die Mutter jedenfalls, schämt sich offensichtlich. Immer wieder schaut sie während ihrer Antworten nicht in die Kamera, sondern betreten auf den Boden.

 Böttcher ist das Wurscht:
"Was hat er bei der Geburt gewogen?"
Die Mutter, selbst noch ein Kind antwortet:
 "1,5 Kilo. Ich habe an Hunger gelitten während ich schwanger war."
Böttcher zieht ihren Stiefel weiter durch:
"Drei Monate alt wiegt der Kleine gerade einmal drei Kilo und die Haut ist voller Ausschläge."
Böttcher kann es nicht lassen. Für die ganz Doofen unter den Fernsehzuschauern fährt sie noch einmal mit dem Zeigefinger, gleich einem Zeigestock, über das Ärmchen des Kleinkindes:
"...die Haut ist voller Ausschläge."
Screenshot ARD

Das Interview führt Böttcher offensichtlich im Hof eines Hauses. Auf den Aufnahmen sind 21 Personen zu sehen. Familie, Verwandtschaft, Nachbarn der jungen Mutter. Von diesen 21 Personen sind fünf Erwachsene, vier Frauen und ein Mann. Der Rest, also 16 Personen, einschliesslich der interviewten Mutter, sind Kinder. Mit welcher Begründgung nimmt sich Böttcher/die ARD das Recht heraus diese Kinder öffentlich zur Schau zu stellen? Gibt es ein übergeordnetes Recht der westlichen Wertegemeinschaft auf das Öl Venezuelas?

 Auch Röckerath hat für das ZDF eine minderjahrige Mutter mit Säugling gefunden:
"Nicole ist vierzehn Jahre alt und seit einer Woche Mutter einer Tochter. Das Kind kam per Notkaiserschnitt. Seitdem ist Nicole schwerkrank. Sie hat Schmerzen am Unterleib, Fieber, Blutungen. Es riecht nach Krankheit und sie kann nichts dagegen tun. (...) Sie braucht dringend Antibiotika, doch die kann sie nicht bezahlen",
jammert Röckerath, so als habe er großes Interesse am wohlergehen von Mutter und Kind.

 Sein Anliegen ist aber ganz weit davon entfernt dem armen Mädchen zu helfen, das, wenn Röckeraths Angaben stimmen, todkrank ist. Nein, Röckerath braucht die Not, das Elend, die Verzweiflung um nach dem Motto "besser tot, als lebendig", politische Agitation zu betreiben:
"Von der sozialistischen Revolution wollen sie hier draußen nichts mehr wissen. 
Screenshot ZDF
 (...) Und der Säulenheilige der Venezulanischen Revolution, Hugo Chavez, taucht hier nur noch als Windschutz."
 Mir treibt es die Schamesröte ins Gesicht. Deutsche Journalisten reisen durch die Welt, berichten angeblich von dem wie es ist und mißbrauchen die Menschen um ihr politisches Süppchen zu kochen. Sie reisen auch mit meinem Geld, sie reisen auch in meinem Namen und ich kann nichts dagegen tun.

 Ich bin diesen entmenschlichten Karrieristen ausgeliefert. Gut, ich bräuchte mir ihre mühsamen, die Wirklichkeit verzerrenden Inszenierungen nicht anzusehen. Aber soll ich die Augen verschliessen vor dem was diese Lohnschreiber und -filmer anrichten? Oder soll ich nicht lieber mein Möglichstes tun, um sie bloßzustellen, ihre krude, von persönlichen Interessen gebildete Weltsicht als das zu brandmarken was sie ist, bösartig, verlogen und menschenverachtend.


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